Sondereinheit: Erkundergruppe
Überblick in der ersten Einsatzphase
Wenn ein Einsatz beginnt, entscheiden oft wenige Minuten darüber, wie schnell aus ersten Meldungen ein belastbarer Gesamteindruck entsteht. Gerade am Anfang laufen viele Informationen parallel ein, während die Lage am Objekt häufig noch unklar ist. Für die Führung vor Ort wird dann entscheidend, Gefahren und Schwerpunkte zügig zu erkennen und Maßnahmen so zu steuern, dass Zeitgewinn und Sicherheit zusammenpassen. Einen wichtigen Beitrag leistet dabei die Erkundergruppe der Freiwilligen Feuerwehr Kleve. Sie liefert die Perspektive aus der Luft und damit eine zusätzliche Grundlage für die Lageeinschätzung.
„Die Drohne erleichtert die Arbeit enorm, gerade in der ersten, oft chaotischen Phase eines Einsatzes. Sie hilft uns, schnell einen Überblick zu gewinnen. Danach kann sie gezielt eingesetzt werden – etwa um bestimmte Bereiche oder Objekte aufzufinden. Das spart Zeit und verbessert die Führungsarbeit vor Ort erheblich.“
– Daniel Scholz, stellv. Leiter der Feuerwehr Kleve
Erkundung aus der Luft als Entscheidungshilfe
Die Erkundergruppe kommt immer dann zum Einsatz, wenn Erkundung aus der Luft einen konkreten Mehrwert bringt. Das kann die Suche nach Glutnestern nach einem Brand sein, das Erkennen von Feuer oder Rauch, das Auffinden von Personen, das Aufspüren möglicher Gefahren oder schlicht die Orientierung an einer unübersichtlichen Einsatzstelle. Ziel ist, der Einsatzleitung Informationen zu liefern, die am Boden nur verzögert oder gar nicht verfügbar wären.
„Wir kommen immer, wenn Erkundung aus der Luft benötigt wird. Dann können wir dazu beitragen, dass die Einsatzleitung bessere Entscheidungen treffen kann und damit den Einsatzverlauf positiv beeinflussen.“
– Florian Pose, Leiter der Erkundergruppe
Alarmierung und Einbindung in die Einsatzführung
Alarmiert wird die Erkundergruppe bei bestimmten Einsatzstichworten (zum Beispiel „Waldbrand“ oder bestimmten Lagen auf dem Rhein) direkt von Anfang an. In anderen Fällen fordert die Einsatzleitung die Einheit nach, sobald sich vor Ort zeigt, dass ein Lagebild aus der Luft die Arbeit erleichtert. Nach dem Eintreffen ordnet sich die Erkundergruppe üblicherweise unmittelbar dem Einsatzleiter unter und richtet den Auftrag danach aus, welche Informationen für die Lageeinschätzung und die weitere Taktik gerade benötigt werden.
Dann müssen Ergebnisse schnell und verständlich verfügbar sein. Die Einheit arbeitet deshalb darauf hin, Bilder und Erkenntnisse so aufzubereiten, dass sie direkt in der Einsatzführung genutzt werden können, beispielsweise im oder am Einsatzleitwagen.
Technik als „System“
Drohneneinsätze an der Einsatzstelle sind längst mehr als das reine Fliegen. Neben den Fluggeräten nimmt die Erkundergruppe zusätzliche Technik in Betrieb, um ein Lagebild für die Führung möglichst leicht zugänglich zu machen. Dazu gehören verschiedene Wege der Bildübertragung, je nach Situation über Kabel oder Funk mit mobilem Bildschirm, alternativ auch als Streaming über das Internet. Im Hintergrund sorgt eine abgestimmte Lade- und Energieversorgung dafür, dass die Einheit ihre Aufgaben mit möglichst kurzen Unterbrechungen erfüllen kann.
Zur Arbeit gehört außerdem die Auswertung der Aufnahmen. Gerade Wärmebilder liefern keine automatisch eindeutigen Antworten, sondern müssen fachkundig interpretiert werden.
„Mich fasziniert, welches Fachwissen und wie viel Know-how dort eingebracht wird. Das ist kein einfaches ‚einschalten und losfliegen‘, dahinter steckt sehr viel Technik, Planung und Verantwortung. Die Kameraden müssen ihr Wissen ständig aktuell halten, um die hohe technische Professionalität zu gewährleisten, die bei einem Einsatz gefragt ist.“
– Heinrich Graven, stellv. Leiter der Feuerwehr Kleve
Von der ersten Drohne zum heutigen Leistungsniveau
Die Erkundergruppe wurde 2017 gegründet und ist der Löschgruppe Reichswalde zugeordnet. Bereits die erste Drohne, eine DJI Phantom, ermöglichte den gewünschten Rundumblick aus der Luft. 2019 folgte mit der Yuneec Typhoon H520 der nächste technische Schritt, vor allem durch die Wärmebildkamera. Ein erneuter Sprung erfolgte dann 2023 mit der DJI Matrice 30T. Mit dieser Drohne kamen spürbare Verbesserungen hinzu, insbesondere bei Zoom, Wärmebildqualität und Einsatzdauer. Durch schnelle Akkuwechsel bleibt die Unterbrechung kurz. Zudem kann das System mit zwei Fernsteuerungen betrieben werden, sodass Fernpilot und Kamerabediener parallel arbeiten.
Im Jahr 2024 rückte die Erkundergruppe zu elf Einsätzen aus, der größte Teil davon Personensuchen und Amtshilfeersuchen. 2025 waren es 14 Einsätze, hier eine Mischung aus Personensuchen, Amtshilfeersuchen, Wasserrettungen, Gebäudebränden und Tiersuchen. Unabhängig von Alarmierungen trainiert die Gruppe regelmäßig. Geübt wird etwa alle sechs Wochen, damit Abläufe, Technikaufbau und Bildauswertung auch unter Zeitdruck sicher funktionieren. Zudem gibt es Gerätedienste zur Wartung und Prüfung der Einsatzmittel.
„Den größten Vorteil sehe ich an der unkomplizierten, schnellen und nahezu permanenten Bereitstellung von hochauflösenden Informationen und Ergebnissen aus der Luft als Lagebeitrag zur Unterstützung der Einsatzleitung. Stimmen die technischen Voraussetzungen, können diese auch über größere Entfernungen in Echtzeit übertragen werden.“
– Daniel Knieper, Fernpilot der Erkundergruppe
Zusammenarbeit und Amtshilfe
Zusätzlich unterstützt die Erkundergruppe regelmäßig benachbarte Feuerwehren sowie die Polizei, wenn ein Luftlagebild die Gefahrenabwehr sinnvoll ergänzt. Aus Sicht der Kreispolizeibehörde Kleve gibt es dabei keine festen Kriterien, wann die Drohne eingesetzt wird. Ein häufiger Einsatzgrund, wo über die Erkunder nachgedacht wird, sind Vermisstensuchen oder Unfalllagen. Wird sie angefordert, versucht die Polizei nach Möglichkeit früh Kontakt aufzunehmen und die Einbindung abzustimmen.
Die Erkundergruppe schafft in solchen Amtshilfelagen vor allem technische Voraussetzungen, damit das Luftlagebild im richtigen Moment für die Führung nutzbar ist. Beispielhaft ist eine Anforderung durch ein Spezialeinsatzkommando der Polizei. Dort war entscheidend, dass die Drohne auch bei anspruchsvollen Bedingungen stabil betrieben werden kann und die Bilder zuverlässig an die Führungsstelle übertragen werden. So können Maßnahmen aus sicherer Entfernung vorbereitet, zeitlich abgestimmt und anhand der Live-Lageentwicklung gesteuert werden können, ohne dass Kräfte unnötig in Gefahrenbereiche gehen müssen.
„Eine feste Regel, wann die Drohne eingesetzt wird, gibt es nicht. Der Mehrwert liegt für uns vor allem in der schnellen und flexiblen Verfügbarkeit.“
– Philipp Pütz, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Kreispolizeibehörde Kleve
Zukünftige Früherkundung, Messtechnik, neue Nutzlasten
In der Einheit geht der Blick bereits über die klassische Bildaufklärung hinaus. Insbesondere Messtechnik, mit der sich Gefahrstoffe aufspüren oder messen lassen, sowie Anwendungen zur Beleuchtung oder Kommunikation. Dass das Einsatzspektrum nicht auf Brände und Suchen begrenzt ist, zeigte auch die Einbindung beim Warntag. Dort nutzte die Einheit Lautsprecher aus der Luft, um Sirenentöne und Durchsagen abzuspielen. Entscheidend bleibt, dass neue Möglichkeiten praktisch erprobt werden und die Drohne in der Einsatzführung als Werkzeug fest mitgedacht wird.
Grenzen der Technik
Trotz spürbarer Fortschritte bleiben Grenzen, auch wenn moderne Systeme deutlich robuster geworden sind. Regen ist in vielen Fällen beherrschbar. Mit dem neuesten Drohnenmodell sind Flüge auch bei stärkeren Winden möglich, solange die Sicherheit gewährleistet bleibt. Kritisch wird es vor allem dann, wenn Suchgebiete sehr groß sind oder wenn das Zielobjekt durch dichte Vegetation verdeckt ist. Gerade belaubte Bäume können Wärmequellen abschirmen und die Auswertung erschweren.
Solche Einschränkungen machen deutlich, dass Drohnenaufklärung immer Teil eines Gesamtkonzepts bleibt. Technik, Erfahrung und realistische Erwartungen müssen zusammenpassen, damit die Luftperspektive im Einsatz zuverlässig als Entscheidungshilfe wirkt.
„Ich denke, dass sich die Drohnentechnik in den nächsten Jahren auch in Richtung der Früherkundung von Einsatzstellen hin entwickelt, so dass man sehr schnell einen 360-Grad-Blick der Einsatzstelle bekommt, vielleicht schon bevor die ersten Kräfte vor Ort sind.“
– Thomas Queling, stellv. Leiter der Erkundergruppe
Internationale Übung Skyguard 2026
Die Anwendung von Drohnentechnik erfordert immer wieder den Blick über den Tellerrand. Daher nahm die Erkundergruppe gerne die Einladung der Veiligheidsregio Limburg-Noord zur internationalen Drohnenübung „Skyguard 2026“ an. Die Veranstaltung fand im Mai in Sevenum und Maasbree (Niederlande) statt und wurde im Rahmen des EU-Projekts ERMWIC gefördert.
Sechs Teams aus Deutschland, den Niederlanden und Belgien kamen zusammen, um Erfahrungen auszutauschen und ihr Können in einer gemeinsamen Übung unter Beweis zu stellen. Dabei galt es, im Gelände ausgelegte Ziele schnell, sicher und möglichst vollständig zu finden. Bei der anschließenden Auswertung wurde das Team der Erkundergruppe als Sieger verkündet.
Besonders wertvoll war der fachliche Austausch mit den niederländischen Kolleginnen und Kollegen. In der Region Limburg läuft derzeit ein Pilotprojekt, in dessen Rahmen ein Drohnenteam bereits zahlreiche Einsätze absolviert hat. Die dabei gewonnenen Erfahrungen boten interessante Einblicke und wertvolle Impulse für die weitere Entwicklung der eigenen Drohneneinheit.
Mehr Sicherheit durch das entscheidende Bild
Im Kern bleibt die Erkundergruppe ein Instrument, das die Einsatzführung mit Informationen versorgt, die am Boden nicht oder nur verzögert erreichbar wären. Der Wert liegt nicht allein in der Technik, sondern in der Fähigkeit, Ergebnisse schnell so aufzubereiten, dass sie in Entscheidungen einfließen können. Dazu braucht es Routine, Teamarbeit und die Bereitschaft, sich technisch und fachlich stetig weiterzuentwickeln.
„Die Drohne ist ein starkes Mittel für die Erkundung. Gerade bei unübersichtlichen Lagen liefert sie schnell ein klares Lagebild über große Einsatzstellen mit 360 Grad Überblick. Sie hilft bei der Suche nach Personen, beim Aufspüren von Brandherden, bei Tieren oder auch bei Umweltschäden, im Grunde in allen Bereichen, in denen wir schnell erkunden und finden müssen.“
– Ralf Benkel, Leiter der Feuerwehr Kleve
Feature-Ausblick
Im nächsten Feature geht es um die Ausbildung bei der Freiwilligen Feuerwehr Kleve. Die Reportage zeigt, wie neue Mitglieder auf den Einsatzdienst vorbereitet werden, welche Rolle die Kreisausbildung übernimmt und wie sich der Ausbildungsweg bis zu Führungslehrgängen am Institut der Feuerwehr NRW fortsetzen kann. Feuerwehr bedeutet nicht nur Einsätze und Technik, sondern auch regelmäßiges Lernen, Üben und Fortbilden. Von der Grundausbildung über Atemschutz, Funk und Maschinistenlehrgang bis hin zum Verbandsführer spannt sich ein System, das die Leistungsfähigkeit der Feuerwehr langfristig sicherstellt.
Feuerwehr Kleve