Der Spielmannszug Reichswalde

Musik in Feuerwehruniform

Es war ein Martinszug im Jahr 1982, als die Mitglieder des Spielmannszugs Reichswalde nicht nur als Musiker gefragt waren. Während des Zuges bemerkten sie einen brennenden Fenstervorhang, der durch eine Kerze Feuer gefangen hatte. Der Brand wurde schnell gelöscht, danach ging der Martinszug weiter. Die Erinnerung aus der Geschichte des Spielmannszugs steht beispielhaft für eine Verbindung, die in Reichswalde seit Jahrzehnten selbstverständlich ist. Musik und Feuerwehr gehören hier eng zusammen.

Heute zählt der Spielmannszug rund 30 Kameradinnen und Kameraden. Jeden Freitag wird von 18 bis 21 Uhr geprobt, hinzu kommen im Laufe eines Jahres etwa 20 bis 25 Auftritte. Damit ist der Spielmannszug nicht nur bei Feuerwehrveranstaltungen präsent. Seine Musik begleitet Feste, Umzüge und weitere Anlässe im Dorf und darüber hinaus. Innerhalb der Freiwilligen Feuerwehr Kleve ist er neben dem Musikzug, den Lösch- und Sondereinheiten sowie der Jugendfeuerwehr ein eigenständiger Bestandteil.

Gerade diese Doppelrolle prägt die Einheit. Sie bewahrt eine lange musikalische Tradition, hat sich fachlich weiterentwickelt und führt zugleich immer wieder junge Menschen an die Feuerwehr heran. Der Blick auf die Geschichte zeigt allerdings auch, dass diese Kontinuität nicht selbstverständlich war.

Seit 1954 ein Teil Reichswaldes

Der Spielmannszug wurde 1954 als zweites Standbein der damaligen Freiwilligen Feuerwehr Reichswalde gegründet und trug zunächst die Bezeichnung Tambourkorps. Eigene Probenräume waren in den Anfangsjahren keine Selbstverständlichkeit. Geübt wurde privat oder unter freiem Himmel, später auch in der damaligen Grundschule und im alten Feuerwehrheim. Selbst das Marschieren musste sich dort den räumlichen Möglichkeiten anpassen und wurde zwischen langen Tischen geübt.

Heinrich Hartmann lernte diese Zeit noch aus eigener Erfahrung kennen. Er trat 1973 in den Spielmannszug ein, blieb mehr als fünf Jahrzehnte aktiv und beendete seine aktive Mitgliedschaft erst 2024 im Alter von 86 Jahren. Kurz nach seinem Eintritt geriet die Formation in eine schwierige Phase. Nach einem Konflikt verließ der damalige Tambourmajor den Zug, zahlreiche weitere Mitglieder folgten. Für die Verbliebenen begann damit ein Neuaufbau.

Marsch in den 80er-Jahren; vorne Tambourmajor Hans van Offern

„Als ich 1973 dazugekommen bin, stand der Spielmannszug nach den Austritten fast vor dem Aus. Wir haben mit nur 16 Leuten wieder angefangen. Dass sich der Zug danach so weiterentwickelt hat, war damals alles andere als selbstverständlich.“
– Heinrich Hartmann, ehemaliges Mitglied des Spielmannzuges Reichswalde

Der Spielmannszug blieb bestehen und entwickelte sich weiter. Neben den Proben und Auftritten gehörte auch das gemeinsame Vereinsleben dazu. Grillabende im Sommer oder das Pannas-Essen im Winter prägten die Gemeinschaft. Über Jahrzehnte war der Zug im gesamten Klever Land unterwegs und wuchs damit zu einem festen Bestandteil des örtlichen Lebens heran.

Vom Auswendigspielen zum modernen Repertoire

Eröffnung der Forstgarten-Konzerte vor der Konzertmuschel im Forstgarten

Auch musikalisch unterscheidet sich der heutige Spielmannszug deutlich von seinen Anfängen. Als Anne Collisi Anfang der 1990er-Jahre als Kind gemeinsam mit ihrer Schwester und Freundinnen das Querflötenspiel begann, wurden Märsche noch mit einem eigenen System vermittelt. Für die Flöten dienten Punkte als Orientierung, bei den Trommeln kamen Striche und Kreuze zum Einsatz. Die Stücke mussten weitgehend auswendig beherrscht werden.

In dieser Zeit begann allerdings auch schrittweise die Umstellung auf die klassische Notenschrift. Dieser Wandel zog sich über längere Zeit und verlangte den Mitgliedern einiges ab, eröffnete musikalisch aber neue Möglichkeiten. Neue Stücke konnten schneller erarbeitet werden, das Repertoire wurde abwechslungsreicher und um moderne Literatur erweitert. Die Entwicklung veränderte damit nicht nur die Art des Lernens, sondern auch die musikalischen Möglichkeiten des gesamten Zuges.

„Der Spielmannszug zeigt, dass in einer Feuerwehruniform auch Musiker stecken, die ihr Handwerk beherrschen. Hinter den Auftritten steckt viel Übungsarbeit, technisches Können und musikalisches Know-how, damit am Ende ein entsprechend professionelles Ergebnis entsteht.“
– Heinrich Graven, stellv. Leiter der Feuerwehr Kleve

Die regelmäßige Probenarbeit bildet dafür bis heute die Grundlage. Neben dem gemeinsamen Spiel geht es dabei um Rhythmus, Zusammenspiel und darum, ein Stück so sicher zu beherrschen, dass es auch bei öffentlichen Auftritten funktioniert. Tradition bedeutet in Reichswalde deshalb nicht, musikalisch stehen zu bleiben. Vielmehr wurde die eigene Geschichte zum Ausgangspunkt für eine kontinuierliche Weiterentwicklung.

Feuerwehr und Spielmannszug zugleich

Eine Besonderheit des Reichswalder Spielmannszugs ist seine enge personelle Verbindung zum Einsatzdienst. Ein Teil der Mitglieder ist nicht ausschließlich musikalisch aktiv, sondern gehört zugleich der Einsatzabteilung der Feuerwehr an. Damit treffen zwei Bereiche aufeinander, die nach außen zunächst unterschiedlich wirken, in Reichswalde aber seit vielen Jahren miteinander verbunden sind.

Spielmannszugführer Manfred Mülders kennt beide Seiten der Entwicklung. Er begann 1995 als Trommler, spielte später die große Trommel und übernahm 2008 die Leitung des Spielmannszugs. Für ihn gehört diese Verbindung zu den prägenden Merkmalen der Einheit.

„Besonders ist die enge Verzahnung von Brandschutz und Spielmannswesen. Zurzeit versehen elf „Doppelläufer“ ihren Dienst sowohl im Spielmannszug als auch in der Einsatzabteilung. Sehr viele heutige Aktive oder inzwischen Angehörige der Alters- und Ehrenabteilung haben beim Spielmannszug begonnen.“
– Manfred Mülders, Spielmannszugführer Reichswalde

Damit ist der Spielmannszug auch ein möglicher Einstieg in die Feuerwehr. Wer zunächst wegen der Musik kommt, lernt zugleich die Organisation, die Menschen und das Umfeld der Feuerwehr kennen. Für manche entsteht daraus später der Schritt in den Einsatzdienst. In dieser Funktion hat der Spielmannszug bereits lange vor der heutigen Jugendfeuerwehr jungen Menschen einen Zugang zur Feuerwehr ermöglicht.

Musik gehört zum Dorfleben

Der Spielmannszug ist zugleich weit über den Feuerwehrdienst hinaus sichtbar. Seine Auftritte gehören zu Rosenmontags-, Schützen- und Martinsumzügen, Stadtfeuerwehrfesten, Erntedankveranstaltungen und weiteren Terminen. In Reichswalde ist die Feuerwehr mit Löscheinheit und Spielmannszug seit Jahrzehnten gemeinsam mit anderen Vereinen und Institutionen im Dorf verwurzelt.

Zu den Auftritten kommen besondere musikalische Ereignisse. Manfred Mülders erinnert sich unter anderem an Konzerte im Forstgarten und an die besondere Konzentration unmittelbar vor einem Großen Zapfenstreich. Beim 60-jährigen Bestehen im Jahr 2014 kamen neun Musik- und Spielmannszüge zusammen. Während der Corona-Pandemie gehörten außerdem Gartenkonzerte in zwei Senioreneinrichtungen zu den Auftritten, die den Beteiligten besonders im Gedächtnis geblieben sind.

Bereit für den Rosenmontagsumzug

„Auch der Spielmannszug zeigt, welche Bedeutung Musik für das gesellschaftliche Leben hat. Hier wird Gemeinschaft gelebt, weit über die Feuerwehr hinaus, getragen von großem Einsatz und echter Leidenschaft.“
– Daniel Scholz, stellv. Leiter der Feuerwehr Kleve

Die Auftritte erfüllen damit mehrere Funktionen. Sie pflegen musikalische und örtliche Traditionen, schaffen Begegnungen und machen die Feuerwehr in einem Umfeld sichtbar, das mit dem klassischen Einsatzdienst wenig zu tun hat. Für den Spielmannszug gehört diese Präsenz zum eigenen Selbstverständnis.

Ein Stück Zuhause

Wer über Jahrzehnte gemeinsam probt, auftritt und unterwegs ist, erlebt den Spielmannszug nicht ausschließlich als musikalische Formation. Zwischen den festen Terminen entstehen Freundschaften und gemeinsame Erinnerungen. Zum Jahresprogramm gehören deshalb auch bewusst Termine, bei denen nicht der nächste Auftritt im Mittelpunkt steht. Eine Planwagenprobe zum Beginn der Sommerferien mit anschließendem Grillen und die Jugendnacht verbinden musikalische Arbeit mit gemeinsamer Zeit.

Anne Collisi ist seit 1992 dabei. Sie engagierte sich über die Jahre nicht nur als Musikerin, sondern auch in der Ausbildung des Nachwuchses. Viele Mitglieder, die sie aus ihrer Anfangszeit kennt, gehören ebenfalls seit Jahrzehnten zum Spielmannszug. Diese personelle Kontinuität ist für sie ein wesentlicher Teil dessen, was die Einheit ausmacht.

Spielen während einer Planwagenfahrt

„Der Spielmannszug ist über die Jahre so etwas wie meine zweite Familie geworden. Die Termine mit dem Spielmannszug sind irgendwann zum festen Bestandteil meiner Woche geworden und sind für mich nicht mehr wegzudenken. Für mich ist er ein großes Stück Zuhause.“
– Anne Collisi, Spielmannszug Reichswalde

Dass solche Bindungen entstehen, hängt auch mit der Verantwortung zusammen, die Mitglieder füreinander übernehmen. Die musikalische Ausbildung des Nachwuchses erfolgt innerhalb des Spielmannszugs durch eigene Kameradinnen und Kameraden. Wissen und Erfahrung werden damit unmittelbar an die nächste Generation weitergegeben.

Wenn aus Interesse der erste Auftritt wird

Gerade diese nächste Generation ist für den Fortbestand des Spielmannszugs entscheidend. Neue Mitglieder zu gewinnen und langfristig zu binden, bezeichnet Manfred Mülders als die größte aktuelle Herausforderung. Deshalb setzt die Einheit nicht allein darauf, dass Interessierte von selbst den Weg ins Feuerwehrheim finden.

Seit drei Jahren ergänzt der Spielmannszug die Nachmittagsbetreuung an der Reichswalder Grundschule mit einer Musik-AG. Dort sollen Viertklässlerinnen und Viertklässler für das Musizieren begeistert werden. Aus dem ersten Durchgang befinden sich inzwischen fünf Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der Ausbildung beim Spielmannszug. Die Nachwuchsarbeit beginnt damit bereits vor dem eigentlichen Eintritt in die Einheit.

Wie dieser Weg aussehen kann, zeigt Liliana Haberland. Sie kam über Familie und Freunde zum Spielmannszug. Die Unterstützung durch die anderen Mitglieder erleichterte ihr den Einstieg. Aus den ersten Übungsabenden wurde schließlich der Moment, an dem das Gelernte erstmals vor Publikum funktionieren musste.

„Mein erster Auftritt war beim Meilerfest. Ich war sehr aufgeregt und dann hat alles sehr gut geklappt. Jeder wird von Anfang an unterstützt.“
– Liliana Haberland, Spielmannszug Reichswalde

Solche Erfahrungen sind für die Nachwuchsarbeit wichtiger als reine Mitgliederzahlen. Junge Musikerinnen und Musiker müssen ein Instrument lernen, sich in eine bestehende Gruppe einfinden und schrittweise Sicherheit gewinnen. Gleichzeitig erleben sie früh, dass ihr eigener Beitrag für das gemeinsame Ergebnis zählt.

Damit die Musik weitergeht

Nach mehr als sieben Jahrzehnten steht der Spielmannszug Reichswalde damit vor einer Aufgabe, die viele traditionsreiche ehrenamtliche Gemeinschaften kennen. Das Bestehende soll erhalten werden, ohne die Entwicklung aufzuhalten. Musikalische Qualität, regelmäßige Auftritte und eine funktionierende Gemeinschaft hängen langfristig davon ab, dass immer wieder neue Mitglieder gewonnen und ausgebildet werden.

Die Voraussetzungen dafür sind vorhanden. Der Spielmannszug verbindet seine Geschichte mit moderner musikalischer Ausbildung, erreicht Kinder sowie Jugendliche und bietet ihnen innerhalb der Feuerwehr einen eigenen Einstieg. Zugleich zeigen die Doppelläufer, dass aus diesem ersten Kontakt später auch ein Engagement im Einsatzdienst entstehen kann. So reicht die Bedeutung des Nachwuchses über den Fortbestand des Spielmannszugs selbst hinaus.

Die Geschichte des Spielmannszugs zeigt, wie sich die Einheit über Jahrzehnte immer wieder weiterentwickelt hat. Heute treffen dabei Erfahrung, musikalischer Anspruch und gezielte Nachwuchsarbeit aufeinander. Mit jungen Mitgliedern, engagierten Ausbilderinnen und Ausbildern und seiner festen Verankerung in Feuerwehr und Dorfleben wird der Spielmannszug seine Tradition auch in den kommenden Jahren lebendig weiterführen.

Feature-Ausblick

Im nächsten Feature unserer Reihe stellen wir die Löschgruppe Wardhausen-Brienen vor. 31 aktive Kameradinnen und Kameraden, ein Einsatzleitwagen, ein Rettungsboot und die Zusammenarbeit im Taktischen Zug Nord-West prägen heute die Einheit. Ein Blick auf zwei Ortsteile, aber eine Löschgruppe, die in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen ist und ganz unterschiedliche Erfahrungen und Fähigkeiten miteinander verbindet.

Autor: Maurice Coenjaerts