Frauen in der Feuerwehr Kleve
Frauen gehören in der Freiwilligen Feuerwehr Kleve seit Jahrzehnten selbstverständlich zum Einsatz- und Einheitgeschehen. Zwischen Pionierinnen, neuen Führungskräften, jungen Mitgliedern in der Jugendfeuerwehr und Frauen, die erst vor Kurzem eingestiegen sind, zeigt sich ein breites Spektrum an Erfahrungen. Der folgende Bericht zeichnet ein Gesamtbild, wie Frauen heute in Kleve Feuerwehrdienst leisten, welche Bedingungen dafür notwendig sind und welche Schritte anstehen, um die Beteiligung weiter zu stärken.
Erste Frau in der Feuerwehr Kleve
Christina Coumans trat 1998 als erste Frau in die Feuerwehr Kleve, in den Löschzug Materborn, ein. Wie lange der Zugang schon formal möglich war, ist unbekannt. Bei Christina war ihr persönliches Umfeld entscheidend: Vater, Patenonkel, Onkel, Bruder und Cousins waren bereits aktiv, die Kameraden kannte sie. Widerstände erlebte sie nicht. In den Anfangsjahren wurde vor allem nachgefragt, ob sie wirklich alle Dienste, Übungen und Einsätze mitmache; heute, sagt sie, sei weiblicher Einstieg vielerorts Normalität.
Christina betont, sie habe keine „geschlechtsspezifischen Hürden“ erlebt – Stärken und Schwächen seien individuell, nicht genderspezifisch. Inhaltlich sucht sie Aufgaben, die über den Einsatzdienst hinausreichen. So vermittelt sie in der Brandschutzerziehung für Kindergärten Grundwissen und stärkt damit Prävention sowie Interesse von klein auf.
„Von Anfang an hat mich die Kameradschaft und das Helfen gehalten. Mein Rat an Mädchen und junge Frauen: nicht abschrecken lassen und einfach mitmachen.“
– Christina Coumans, Löschzug Materborn
Hürden beim Einstieg
Deutschlandweit bleibt der Einstieg als „erste Frau“ in einer Einheit eine besondere Schwelle: fehlende getrennte Umkleiden oder sanitäre Anlagen, unzureichend verfügbare Frauen-PSA und tradierte Routinen erschweren mitunter die Aufnahme. Gerade am Anfang entscheiden einfache, sichtbare Lösungen – räumlich, organisatorisch und kulturell – darüber, ob Interesse in Beteiligung mündet.
Wirksam sind verbindliche Standards für Räume und Ausstattung, gleiche Zugänge zu Ausbildung und Laufbahnen, eine respektvolle Teamkultur sowie klare Prävention gegen Sexismus. Als strukturelles Beispiel gilt in NRW das Netzwerk „Florentine NRW“ des Verbandes der Feuerwehren NRW. Es bietet passgenaue Fort- und Weiterbildungen, stärkt die Vernetzung von Feuerwehrfrauen und adressiert organisationale Themen bis hin zur Prävention sexualisierter Gewalt. Sichtbarkeit wirkt dabei als Multiplikator: Wo Frauen im Einsatz und in Führungsaufgaben präsent sind, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass weitere Frauen nachrücken.
Frauen in der Feuerwehr beim VdF NRW„Feuerwehrfrauen sind heute in der Mehrzahl der Feuerwehren angekommen – das Bild hat sich normalisiert. Dennoch braucht es vielerorts gezielte Entwicklungsarbeit, um echte Beteiligung zu erreichen.“
– Birgit Kill, Landesfrauensprecherin NRW
Einstiegspfade und Motivation
Einstiege gelingen, wenn Lebenssituation und Dienstrhythmus zusammenpassen. Svenja Görtz erlebt eine selbstverständliche Einbindung in den Löschzug Materborn mit mehreren aktiven Frauen. Da ihre Tochter bereits älter und sich ihr Beruf vom OP ins Büro verlagert hat, ist eine Vereinbarung von Familie, Beruf und Ehrenamt gut möglich. Jaqueline Kleinbeck beteiligte sich hingegen zunächst als Fördermitglied und beim Aufbauen sowie Zuschauen der Übungen. Erst anschließend entschloss sie sich dann für den aktiven Dienst. Die längere passive Phase erleichterte ihr den Einstieg in die Mannschaft und in die gewachsenen Abläufe.
„Ich halte mich durch Sport fit und arbeite daran, ein vollwertiges Mitglied im Löschzug zu sein, damit ich im Ernstfall 100 % meiner Möglichkeiten abrufen kann. Auf meine Kameraden kann ich mich verlassen, und sie auf mich.“
– Svenja Görtz, Löschzug Materborn
Akzeptanz entsteht im Alltag: durch Training, klare Rollen und Verlässlichkeit. Den anfänglichen Drang, sich „beweisen“ zu müssen, verortet Jaqueline rückblickend eher bei sich selbst; in der Einheit wurde er nicht eingefordert. Leistungsfähigkeit beruht auf Technik, Ausdauer und abgestimmtem Arbeiten – Maximalkraft entscheidet selten.
„Ich arbeite bei der Stadt Kleve, der Arbeitgeber unterstützt die Freiwillige Feuerwehr. Im Wechselmodell mit meiner Tochter bin ich eine Woche freier für Einsätze und Übungen; in der anderen Woche helfen Freunde und Familie. Offene Absprachen, dann funktioniert es.“
– Jaqueline Kleinbeck, Löschzug Rindern
Verantwortung im Einsatzalltag
Der Alltag im Löschzug Kleve ist von hoher Taktung und unterschiedlichen Lagen geprägt. Als Gruppenführerin bewegt sich Martina Hendricks an der Schnittstelle zwischen Mannschaft, Lagebild und Entscheidung. Respekt entstehe weniger durch Geschlecht als durch Professionalität – wer Abläufe beherrscht, Schwerpunkte setzt und Verantwortung übernimmt, wird gehört. Die Führungsrolle verlangt außerdem, in der Ausbildung nachzuhalten und Nachwuchs strukturiert einzubinden.
Für die Ansprache potenzieller Mitglieder hält sie zielgruppenspezifische Maßnahmen für wirksam, also sichtbar, konkret und ermutigend. Präsenzformate und digitale Kanäle sollten gezielt von Feuerwehrfrauen mitgestaltet werden, um Hemmschwellen abzubauen und realistische Einblicke zu geben.
„Die Einsätze sind vielfältig und fordernd. Als Gruppenführerin muss ich mich klar behaupten – entscheidend sind Leistung und Teamgeist. Sichtbare Vorbilder und Werbung von Frauen für Frauen senken Hemmschwellen und holen Interessentinnen ab.“
– Martina Hendricks, Löschzug Kleve
Sichtbar werden, Verantwortung übernehmen
Lara van Heek trat 2017 in die Löschgruppe Düffelward ein – durch frühe Berührungspunkte im Dorf und den Feuerwehrbezug in der Familie. Die Kameradschaft erlebte sie von Beginn an als entspannt; einzelne Sprüche auf Stadtebene verloren sich mit zunehmender Sichtbarkeit von Feuerwehrfrauen immer mehr.
Beweisen musste sie sich weniger „als Frau“, sondern vor allem sich selbst gegenüber – etwa im Gruppenführerlehrgang mit vielen Hauptamtlichen. Ihr Ziel war, als „Freiwillige vom Dorf“ die gleiche Führungsqualität abzurufen, was ihr auch hervorragend gelang. Anfang 2023 stand in Düffelward ein Führungswechsel an; Lara wurde zur (vorerst kommissarischen) stellvertretenden Einheitsführerin gewählt. Nach Abschluss des benötigten Führungslehrgangs holte die Einheit sie zuhause ab, gemeinsam ging es zum Depot, wo ein kleiner Parkour für sie vorbereitet war. Diese Wertschätzung hat sie in ihrem Weg bestätigt und die Einheit noch mehr zusammengeschweißt.
In der Praxis achtet sie auf klare Kommunikation, Präsenz und verlässliche Strukturen – auch in Konfliktgesprächen, die sich in gemischten Führungsteams oft gelassener führen lassen. Besonders prägend sind Begegnungen mit Kindern: Reaktionen wie „Da ist ja auch eine Frau dabei!“ zeigen ihr, wie wichtig sichtbare Vorbilder für die Nachwuchsgewinnung sind – nicht nur für Mädchen, sondern für Jugendliche insgesamt. Deswegen hat sich die gelernte Krankenschwester auch bei einer Berufsfeuerwehr in NRW beworben und ist nach Bestehen aller Auswahlverfahren seit 2024 nun auch hauptberuflich in der Feuerwehr verankert.
„Einfach trauen. Vorbeigehen, mitmachen, sich nicht abschrecken lassen – auch wenn man anfangs die einzige Frau ist. Unvoreingenommen ausprobieren und vielleicht direkt eine Freundin mitbringen.“
– Lara van Heek, stellv. Löschgruppenführerin Düffelward
Nachwuchs in der Jugendfeuerwehr
Die Jugendfeuerwehr in Kleve, geleitet durch Nadine Hollenders aus der Löschgruppe Griethausen, gewinnt ihren Nachwuchs über Vorbilder, Neugier und den Wunsch zu helfen. Häufig beginnt der Weg in der Familie:
„Mein Vater ist auch in der Feuerwehr und ich wollte schon immer Feuerwehrfrau werden. Als es in Kleve die Möglichkeit gab, habe ich mich angemeldet – meine Freunde finden das gut.“
– Sarah K., Jugendfeuerwehr Kleve
Wer den Übungsdienst erlebt, Gerätekunde, Knoten und erste taktische Grundformen erlernt und vor allem Teil einer zuverlässigen Gruppe wird, bleibt meist dabei. Im Alltag der Jugendfeuerwehr zählt die Aufgabe, nicht das Geschlecht. Die Jugendlichen berichten von gemischten Trupps, in denen alle dasselbe lernen und leisten.
„Es gibt Momente, in denen ich kurz überfordert bin, aber das hat nichts mit dem Geschlecht zu tun. Wir packen alle an – ich wollte zur Jugendfeuerwehr dazugehören und habe es nicht bereut.“
– Katharina K., Jugendfeuerwehr Kleve
Auch die Außenwirkung spielt eine Rolle. Leonie G. berichtet, Mitschülerinnen und Mitschüler reagierten interessiert und haben viele Fragen zu Übungen und Einsätzen. Die Jugendfeuerwehr vermittle Fähigkeiten, die über das rein Technische hinausgehen. Eine große Rolle spielen auch Auftreten im Team, klare Absprachen und Konzentration unter Zeitdruck.
„Ich war immer neugierig auf Feuerwehr und will Menschen in Not helfen. In der Jugendfeuerwehr lerne ich viel und bin Teil eines Teams – den Wechsel in den aktiven Dienst kann ich mir gut vorstellen.“
– Leonie G., Jugendfeuerwehr Kleve
Alle drei erleben eine offene, unterstützende Gruppe und sehen in gemischten Teams einen Normalfall. Eine Einstellung, die der Nachwuchs der Klever Jugendfeuerwehr später mit in den aktiven Dienst nimmt.
Rahmenbedingungen der Stadt Kleve
Der Gleichstellungsplan 2024 bis 2029 enthält ein eigenes Kapitel zur Freiwilligen Feuerwehr. An der Hauptwache wurden als Übergangslösung separate Umkleidebereiche, Spinde, Abtrennungen und eine Damentoilette umgesetzt, der geplante Neubau soll die räumliche Situation dauerhaft verbessern. Ein wiederkehrendes Thema sind Mehrkosten für passgenaue persönliche Schutzausrüstung (PSA) für Frauen. Hier wird eine verlässliche Finanzierung adressiert, um gleiche Einsatzvoraussetzungen zu sichern.
Kleve steht in engem Austausch mit landesweiten Initiativen. Seit 2022 besteht Kontakt zum Netzwerk „Frauen in der Feuerwehr NRW“ („Florentine NRW“), die Zusammenarbeit wurde 2023 intensiviert, u. a. mit Impulsen von Birgit Kill. Öffentlichkeitsarbeit mit Feuerwehrfrauen als Motiv, Berichterstattung in regionalen Medien und Fachvorträge, etwa zur Prävention sexualisierter Gewalt im Rahmen des kommunalen Gewaltschutzkonzepts, flankieren die Maßnahmen.
„Nächste Schritte sind die fortlaufende Qualifizierung inklusive Präventionsthemen, die Sicherung gleichwertiger Ausrüstung, die räumliche Weiterentwicklung sowie die kontinuierliche Ansprache neuer Zielgruppen. Ziel bleibt eine ausgewogenere Beteiligung, die sich im Einsatzdienst wie in Ausbildung und Öffentlichkeit gleichermaßen abbildet.“
– Yvonne Tertilte-Rübo, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Kleve
Einordnung & Ausblick
Kleve zeigt, dass Fortschritt dort entsteht, wo praktische Lösungen vor Ort und eine wertschätzende Zusammenarbeit auf Augenhöhe besteht. Sichtbare Vorbilder, von der Pionierin über die Einheitsführerin bis zur Neueinsteigerin, senken Hemmschwellen und öffnen Wege.
Dazu konsequent weiterführen, was trägt. Das heißt, Einstiege aktiv begleiten, Ausbildung durchlässig halten, Frauen gezielt ansprechen und sichtbar machen, Kooperationen nutzen, Rückmeldungen aus den Einheiten systematisch verarbeiten. So wächst die Beteiligung von Frauen in der Jugendfeuerwehr, im Einsatzdienst und in Führungsfunktionen.
Aus Sicht der Leitung der Feuerwehr Kleve ist die stärkere Beteiligung von Frauen mehr als Nachwuchsgewinnung. Sie erhöht die Verfügbarkeit, erweitert Kompetenzen an der Einsatzstelle und stärkt die Teamkultur. Organisatorische Aspekte sind in Kleve weitgehend gelöst, entscheidend bleibt die gelebte Praxis. Sichtbare Vorbilder wie zum Beispiel Gruppenführerinnen oder Ausbilderinnen wirken in die Jugendfeuerwehr hinein und senken Hemmschwellen für Neueintritte.
„Der Anteil von Frauen in der Feuerwehr ist bei uns noch zu niedrig, obwohl sie genau den gleichen Beitrag leisten wie ihre Kameraden. Wir sind an allen Standorten darauf vorbereitet, dass mehr Frauen einsteigen.“
„Insgesamt hat die Integration von Frauen der Feuerwehr sehr gutgetan: Sie sorgt für eine gesunde Durchmischung und bringt neue Perspektiven in die Einheiten. Heute ist das selbstverständlich geworden.“
„Bitte mehr Frauen in der Feuerwehr! Oft erlebe ich mehr Fingerspitzengefühl und überlegteres Handeln in Stressmomenten. Das ist ein Gewinn für jede Einheit.“
Feature-Ausblick
Im nächsten Feature richtet sich der Blick auf den Löschzug Kellen. Der Bericht zeichnet die Entwicklung der Einheit von ihren historischen Anfängen bis zum heutigen Einsatzalltag nach und zeigt, welche Rolle Kellen im Gefüge der Freiwilligen Feuerwehr Kleve einnimmt. Stimmen aus der Führung, aus der erfahrenen Generation und von einem jüngeren Mitglied geben dabei persönliche Einblicke in eine Einheit, die Tradition, Verlässlichkeit und moderne Feuerwehrarbeit miteinander verbindet.
Feuerwehr Kleve