Sondereinheit CBRN-Zug: Spezialisten für Gefahrstofflagen
Warum CBRN in Kleve ein Thema ist
Wenn bei einem Einsatz unklar bleibt, welche Stoffe beteiligt sind oder schon klar ist, dass sie potenziell gefährlich sind, entscheidet nicht Tempo, sondern Sicherheit. In solchen Lagen braucht die Einsatzleitung schnell ein belastbares Lagebild. Welche Gefahr besteht, wie weit reicht sie, welche Schutzstufe erforderlich ist und welche Maßnahmen vertretbar sind. Genau an dieser Schnittstelle arbeitet die Sondereinheit „CBRN-Zug“ der Feuerwehr Kleve.
Die Einheit unterstützt bei Gefahrstofflagen mit strukturierter Erkundung, Messungen und fachlicher Bewertung. Ziel ist, Risiken für Einsatzkräfte und Bevölkerung zu begrenzen und Entscheidungen auf überprüfbare Werte zu stützen. Dazu gehört auch Dekontamination, wenn Kontaminationen nicht ausgeschlossen werden können oder eine Verschleppung verhindert werden muss. Szenarien reichen von einfachen Haushaltsunfällen über Störfälle in Industrie und Logistik bis zu besonderen Bedrohungslagen, bei denen chemische, biologische oder radiologische Stoffe missbräuchlich eingesetzt werden könnten.
CBRN steht für chemisch, biologisch, radiologisch und nuklear. In der Feuerwehr war lange die Bezeichnung ABC gebräuchlich. Heute setzt sich zunehmend die international verwendete Abkürzung CBRN durch, weil sie in überörtlichen Strukturen und Konzepten einheitlicher genutzt wird. Inhaltlich beschreibt sie denselben Gefahrenbereich, formuliert ihn aber präziser, da radiologische und nukleare Gefahren voneinander getrennt werden.
„Kleve hat viele Objekte, die mit gefährlichen Stoffen arbeiten, und auch auf den Straßen sind solche Güter täglich unterwegs. Der Rhein als zentrale europäische Transportachse fließt direkt durch unser Stadtgebiet. Deshalb stellen wir uns beim CBRN-Thema bewusst stark auf und bleiben in diesem Bereich dauerhaft handlungsfähig.“
– Ralf Benkel, Leiter der Freiwilligen Feuerwehr Kleve
Der CBRN-Zug als eigene Sondereinheit
Aus dem beschriebenen Gefährdungsprofil heraus hat die Freiwillige Feuerwehr Kleve im Mai 2023 den CBRN-Zug als eigenständige Sondereinheit aufgestellt. Zuvor wurden entsprechende Lagen gemeinsam durch den Löschzug Kleve und die Löschgruppe Donsbrüggen abgedeckt. Mit der Gründung als eigene Einheit konnten Organisation, Ausbildung und Ausstattung gezielt an die besonderen Anforderungen angepasst werden.
Im Einsatz übernimmt der CBRN-Zug die Spezialaufgaben innerhalb des GAMS-Prinzips, also dort, wo nach Gefahrenerkennung, Absperrung und Menschenrettung fachlich fundierte Erkundung und Dekontamination durch Spezialkräfte erforderlich werden. Die Arbeit zielt dabei weniger auf schnelle Standardmaßnahmen, sondern auf Lageklarheit, Schutz der Einsatzkräfte und das Verhindern einer Ausbreitung.
Aktuell besteht die Einheit aus 25 Mitgliedern. Um Fachwissen und Abläufe belastbar zu halten, wird regelmäßig geübt, ergänzt durch Fortbildung, auch in Form von Exkursionen wie zum Beispiel zum Forschungszentrum in Jülich. Zur Ausstattung gehören mehrere spezialisierte Fahrzeuge, darunter Gefahrgutwagen, Bundeserkunderwagen und Einsatzleitwagen am Standort Kleve sowie ein Löschfahrzeug am Standort Kellen. Von der Alarmierung bis zum Eintreffen am Einsatzort vergehen in der Regel 15 bis 20 Minuten.
„Eine der größten Herausforderungen ist, dass CBRN-Einsätze selten, aber hochkomplex sind. Das erfordert ein hohes Maß an theoretischem Wissen, das ständig aktuell gehalten werden muss."
– Fabian Remmen, Leiter der Sondereinheit CBRN-Zug
Klare Abläufe nach Feuerwehrdienstvorschrift 500
Im Ernstfall arbeitet der CBRN-Zug nach klaren Standards. Grundlage ist die Feuerwehrdienstvorschrift 500, die den Einsatz strukturiert und priorisiert. Entscheidend ist zunächst, welchen Stoff oder welches Gefahrenbild die Lage bestimmt, weil davon Schutzmaßnahmen, Taktik und weitere Schritte abhängen. Wenn diese Einordnung zu Beginn nicht sicher möglich ist, wird konsequent so vorgegangen, dass das Risiko für die Einsatzkräfte so gering wie möglich bleibt.
Zur Lageklärung werden bereits auf der Anfahrt erste Informationen gesammelt, etwa Wetter und Windrichtung. Vor Ort wird zunächst mit Abstand gearbeitet, bis das Bild belastbar ist. Dazu werden ein Gefahrenbereich und ein Absperrbereich festgelegt, um die Einsatzstelle geordnet zu führen. Menschenrettung hat Priorität. Danach folgen je nach Stofflage unterschiedliche Schwerpunkte. Bei chemischen Gefahrstoffen arbeiten Trupps unter Chemikalienschutzanzug, bei radiologischen Lagen liegt der Schwerpunkt häufig auf Messen und Dekontamination, bei biologischen Gefahren auf Desinfektion. Solange die Gefahr noch aktiv ist, geht es darum, eine Ausbreitung zu verhindern, zum Beispiel durch Auffangen, Eindämmen oder Sperren. Solche Lagen binden häufig über Stunden Kräfte und Material.
„In jedem Fall werden Einsatzkräfte, die potenziell Kontakt mit dem Stoff hatten, sorgfältig dekontaminiert bzw. desinfiziert, um eine Verschleppung zu verhindern. Dafür wird an der Einsatzstelle sehr viel Aufwand betrieben.“
– Florian Pose, Mitglied im Führungsteam CBRN-Zug
Erkundung und Lagebild als Grundlage aller Entscheidungen
Damit aus einer unklaren Meldung eine belastbare Einsatzlage wird, braucht es früh ein Lagebild, das auf Messwerten und Beobachtungen basiert. Genau hier setzt die Erkundung an. Im CBRN-Zug übernimmt Samuel Stark als Gruppenführer und Administrator des Erkundungswagens vor allem die fachliche Erkundung, das Messen und Detektieren sowie die Ableitung verwertbarer Ergebnisse für die Einsatzleitung. Er hat die Indienststellung und Verwaltung des Fahrzeugs seit 2020 auf kommunaler und auf Kreisebene begleitet und bringt diese Erfahrung heute in Übungen und Schulungen der Einheit ein.
Für die Praxis bedeutet das, dass Erkundungsergebnisse Entscheidungen konkret steuern. Mit einem schnellen, sauberen Lagebild lassen sich Kräfte und Mittel gezielter einsetzen und Risiken besser begrenzen. Gleichzeitig ist die Arbeit stark vernetzt, weil der Erkundungswagen über den Bund bereitgestellt wird und sowohl im Katastrophen- als auch im Zivilschutz eingebunden ist. Im Rahmen des überörtlichen Messens 1 ist der Bundeserkunderwagen für den Kreis Kleve zuständig. Darüber hinaus ist der Erkunder Teil des überörtlichen Messens 2 auf Landesebene und wird nach dem Landeskonzept NRW eingesetzt – etwa bei großen Schadstoffaustritten oder überregionalen Gefahrstofflagen.
Neben klassischen Gefahrstoffmessungen kann der Erkunder auch im Zivilschutzbereich tätig werden, beispielsweise bei der Detektion von Kampfstoffen. Für diese Einsätze ist eine besondere Ausbildung als Erkunder erforderlich.
„Mit Ergebnissen der Erkundung können Mittel und Kräfte effizient und zielgerichtet eingesetzt werden. Somit trägt die Erkundung dazu bei, schnell ein Lagebild zu erstellen und ist Bindeglied zwischen der Einsatzleitung und den Einsatzkräften im Gefahrenbereich.“
– Samuel Stark, Mitglied CBRN-Zug
Ausbildung und Standards im Kreis
Spezialisierung im CBRN-Bereich funktioniert nur über ein verlässliches Ausbildungsfundament. Auf Kreisebene bildet dafür der ABC-Lehrgang die zentrale Grundlage. Daniel Kuhnke, Ausbilder im Kreis Kleve, beschreibt ihn als den umfangreichsten Lehrgang auf Kreisebene mit 72 Unterrichtsstunden, ergänzt durch theoretische, praktische und mündliche Prüfungsanteile.
In den vergangenen Jahren wurde die Ausbildung deutlich stärker strukturiert. Unterrichtsverlaufspläne, aufeinander aufbauende Themen und klar geführte Praxiseinheiten sollen sicherstellen, dass Inhalte nicht nur verstanden, sondern unter realistischen Bedingungen angewendet werden können. Für die Praxis bedeutet das, dass Abläufe und Handgriffe im Team so oft wiederholt werden, bis sie auch unter Belastung funktionieren.
„Uns war wichtig, die Inhalte im ABC-Lehrgang konsequent aufeinander aufbauend zu strukturieren und die Praxis sauber abzusichern. Nur so profitieren die Kameraden im Ernstfall wirklich.“
– Daniel Kuhnke, Ausbilder ABC auf Kreisebene
Selten, aber potenziell gravierend
Gerade weil CBRN-Lagen nicht zum Alltagsgeschäft gehören, ist die Erwartung an Sicherheit und Routine besonders hoch. Kommt es zu einem Gefahrstoffereignis, kann die Lage schnell eine Dimension erreichen, die weit über eine normale Einsatzstelle hinausgeht. Dann entscheidet Präzision, ob Risiken begrenzt oder vervielfacht werden. Aus der Führungsperspektive ist das einer der Gründe, warum Ausbildung, Standards und wiederholtes Training im CBRN-Zug nicht verhandelbar sind.
Ein CBRN-Einsatz ist zudem selten eine reine Feuerwehrlage. Hier wird oft eng mit Polizei, Rettungsdienst, Gesundheitsamt und Strahlenschutzbehörden zusammengearbeitet, in NRW etwa mit dem Landesamt für Natur, Umwelt und Klima Nordrhein-Westfalen (LANUK, früher LANUV). Bei Bedarf können zusätzliche Experten eingebunden werden, zum Beispiel über die Analytische Task Force oder das Transport Unfall Informations- und Hilfeleistungssystem.
„Der CBRN-Zug ist eine Einheit, die fachlich extrem tief ausgebildet ist. Die seltenen Einsätze, die dort anfallen, können immer sehr nah an einer Katastrophe sein. Da darf man sich schlichtweg keine Fehler erlauben, weil die Auswirkungen im schlimmsten Fall direkt die Bevölkerung betreffen könnten.“
– Heinrich Graven, stellv. Leiter der Freiwilligen Feuerwehr Kleve
Engagement, Verantwortung und Blick nach vorn
Die Arbeit im CBRN-Zug lebt von freiwilliger Spezialisierung. Neben dem regulären Dienst treffen sich die Mitglieder zusätzlich in festen Abständen, um unter Vollschutz zu arbeiten, zu messen, zu analysieren, Proben zu nehmen und Dekontamination zu üben.
Gleichzeitig fallen viele Aufgaben abseits der Öffentlichkeit an, vor allem in Wartung, Pflege, Instandsetzung und Abstimmung, damit Technik und Abläufe jederzeit einsatzbereit bleiben.
„Der Mehrwert liegt ganz klar darin, dass wir uns in einem Fachgebiet vertieft aufstellen. In Kleve gibt es ein gewisses Gefährdungspotenzial, etwa durch die Firma Ionisos oder durch den vielen Frachtverkehr. Deshalb ist es wichtig, dass wir speziell geschulte Kräfte haben, die mit diesen Gefahren umgehen können.“
– Daniel Scholz, stellv. Leiter der Freiwilligen Feuerwehr Kleve
Damit das dauerhaft gelingt, bleibt Motivation ein Schlüsselthema, gerade weil CBRN-Einsätze selten sind und der hohe Wissensstand dennoch jederzeit sitzen muss.
Perspektivisch sind weitere realistische Übungsmöglichkeiten ein Hebel, etwa durch eine mobile Gefahrgut Übungsanlage. Parallel laufen technische Entwicklungen weiter, unter anderem mit neuen Erkundern vom Bund, mehr überregionalen Übungen und zusätzlicher Spezialisierung über Fachlehrgänge.
Daueraufgabe Spezialisierung
Der CBRN-Zug bleibt eine Einheit, die man im Alltag selten sieht, deren Arbeit aber im Ernstfall früh Wirkung entfaltet. Weil reale CBRN-Lagen selten sind, liegt der Schwerpunkt dauerhaft auf Ausbildung, Übungsbetrieb und dem sicheren Beherrschen der Abläufe. Das gilt für die taktische Arbeit an der Einsatzstelle ebenso wie für die technische Einsatzbereitschaft der Spezialausstattung.
Feature-Ausblick
Im nächsten Beitrag geht es um Frauen in der Freiwilligen Feuerwehr Kleve. Der Bericht zeigt, wie selbstverständlich Frauen heute in den Einheiten mitwirken, welche Erfahrungen sie mitbringen und an welchen Stellen es weiter darauf ankommt, gute Rahmenbedingungen und sichtbare Vorbilder zu schaffen.
Feuerwehr Kleve