Porträt der Löschgruppe Reichswalde

Moderne Löschgruppe mit starkem Rückhalt

In Reichswalde liegen Einsatzdienst und Dorfleben oft ungewöhnlich nah beieinander. Ein Kirmessonntag im Jahr 2018 blieb in der Einheit besonders präsent: Erst ein Einsatz, kurz darauf stand im Ort bereits das traditionelle Wecken an. Für einige bedeutete das, nach dem Abrücken direkt von der Einsatzkleidung in die Uniform zu wechseln. Solche Momente zeigen, wie eng die Löschgruppe im Alltag des Ortsteils eingebunden ist und wie selbstverständlich Einsatzdienst und gemeinschaftliche Termine ineinandergreifen.

Diese Nähe zum Ort prägt auch die Struktur der Einheit. Die Löschgruppe Reichswalde vereint mit ihren derzeit 28 Kameradinnen und Kameraden aus der Einsatzabteilung auch den Spielmannszug und die Erkundergruppe mit Drohne unter einem Dach. Dadurch entsteht ein Dienstbetrieb, der eine saubere Planung verlangt. Manche Mitglieder übernehmen mehrere Rollen, Termine überschneiden sich, und der Kalender wird entsprechend feuerwehrlastig.

Für den Einsatzdienst stehen in Reichswalde ein Löschgruppenfahrzeug und ein Mannschaftstransportfahrzeug bereit. Im Stadtgebiet arbeitet die Einheit eng mit anderen Standorten zusammen, insbesondere im Löschzug Süd mit der Einheit Materborn.

„Trotz dieser dichten Terminlage funktioniert das Zusammenspiel sehr gut, weil die Interessen in der Mannschaft breit gestreut sind und jeder irgendwo seinen Platz findet. Genau das macht uns stark: Wir haben Menschen mit ganz unterschiedlichen Talenten und Leidenschaften, die sich gegenseitig ergänzen.“
– Heinrich Graven, Löschgruppenführer Reichswalde

Zwischen Reichswald und Verkehrsraum

Waldbrandübung mit der Jugendfeuerwehr

Im Einsatzdienst ist Reichswalde breit gefordert. Brände und technische Hilfeleistungen gehören ebenso zum Spektrum wie Unterstützungen bei größeren Lagen, wenn mehrere Einheiten zusammenarbeiten. Eine besondere Rolle spielt dabei der Reichswald. Unwegsames Gelände, schwer zugängliche Bereiche und längere Wege beeinflussen Anfahrt, Erkundung und Aufbau. Gerade bei Wald- und Vegetationsbrandlagen zählt ein schneller Überblick, damit Zugänge gefunden, Gefahren früh erkannt und Maßnahmen abgestimmt werden können.

Dass Waldbrände in Reichswalde seit den Anfangsjahren ein wiederkehrendes Thema sind, zeigt auch der Blick in die Chronik. Dort wird unter anderem ein größerer Waldbrand aus den 1970er Jahren beschrieben. Solche Erfahrungen bilden den Hintergrund dafür, warum die Einheit den Wald als Einsatzraum nie nur als Kulisse betrachtet, sondern als eigene Lage mit besonderen Anforderungen.

Neben dem Wald prägt auch der Verkehrsraum den Einsatzalltag. Verkehrsunfälle, insbesondere im Bereich der Grunewaldstraße, sind wiederkehrende Einsatzanlässe. Dann geht es um Absicherung, Betreuung und technische Hilfe, koordiniert mit Rettungsdienst und Polizei. Entscheidend ist, dass die Abläufe auch unter Zeitdruck sicher und geordnet funktionieren.

„Die Löschgruppe Reichswalde ist eine sehr familiäre und zugleich homogene Einheit. Sie wissen genau, was sie tun, arbeiten ruhig, strukturiert und zuverlässig. Ihre klare Ordnung zeichnet sie besonders aus.“
– Daniel Scholz, stellv. Leiter der Feuerwehr Kleve

Erfahrung, Spielmannszug und das, was trägt

Manfred Mülders bringt in Reichswalde zwei Perspektiven zusammen. Er kam 1987 zur Feuerwehr, wechselte 1992 nach seinem Umzug vom Löschzug Kleve in die Löschgruppe Reichswalde und trat 1995 zusätzlich dem Spielmannszug bei, den er seit 2008 leitet. Auslöser für den Einstieg war damals eine Mischung aus familiärer Prägung und einem konkreten Impuls aus dem Arbeitsumfeld.

Wenn Mülders auf seine aktive Zeit zurückblickt, nennt er Flächenlagen wie die Rheinhochwasser der 1990er Jahre, aber auch einzelne Einsätze, die belastend in Erinnerung geblieben sind. Solche Erfahrungen, sagt er, müssten nicht nur fachlich, sondern auch menschlich verarbeitet werden – im Team und im privaten Umfeld. Der Kirmessonntag 2018 steht für ihn zugleich exemplarisch dafür, wie eng in Reichswalde Einsatzdienst, Spielmannszug und Dorfleben ineinandergreifen.

Gruppenfoto zum 25-jährigen Jubiläum

„Kameradschaft bedeutet für mich Vertrauen und Verlässlichkeit. Ohne dieses gelebte Miteinander funktioniert kein Einsatz. Sie ist der Schmierstoff, der dafür sorgt, dass der Feuerwehrdienst wie geschmiert läuft.“
– Manfred Mülders, seit 1992 in der LG Reichswalde

Aufbaujahre und Entwicklung der Löschgruppe

Reichswalde ist als Ortsteil vergleichsweise jung. Das Siedlungsgebiet wurde 1948 im Reichswald zwischen Kleve und Goch für Vertriebene ausgewiesen; Planung, Rodung und Aufbau übernahm die Rheinische Heimstätte. Die Rodung begann im Sommer 1948, ab August 1949 wurde gebaut, die ersten Siedler zogen am 8. Dezember 1949 ein. Die Namensgebung und Einweihung von Reichswalde, Nierswalde und Rodenwalde erfolgte am 15. September 1951.

Mit dem Ausbau der Siedlung wuchs der Bedarf an eigenem Feuerschutz. Die Gründung der Freiwilligen Feuerwehr Reichswalde wird in der Chronik sehr konkret beschrieben. Nach einer Vorbesprechung am 26. Mai 1952 im Hotel Reichswald, an der unter anderem Vertreter aus Materborn, der Kreisbrandmeister sowie Führungskräfte aus Kleve teilnahmen, wurde die Gründungsversammlung für den 28. Mai 1952 im Gasthof „Zum Lindenkrug“ festgelegt. Kurz darauf begann der Übungsbetrieb. Alarmiert wurde damals teils über Alarmhörner, teilweise fuhr ein Kamerad mit dem Fahrrad durchs Dorf, um die Wehrleute zu rufen.

Die ersten Jahre waren stark durch Waldbrände geprägt. In der Chronik wird zugleich deutlich, unter welchen Bedingungen diese Einsätze stattfanden: Die persönliche und technische Ausstattung war anfangs knapp, improvisiert wurde mit dem, was verfügbar war. Hinzu kam eine besondere Gefahr im Reichswald, weil Waldbrände damals wiederholt mit Hinterlassenschaften aus dem Zweiten Weltkrieg in Verbindung gebracht werden.

Schritt für Schritt wuchs, oft in Eigenleistung, die Ausstattung. Mit Erlösen aus einem frühen Kameradschaftsabend konnte ein ausgedienter Sanella-Lieferwagen angeschafft werden, der zum Mannschafts- und Gerätetransportwagen umgebaut wurde. Die Fahrten durch Schlaglöcher im Wald waren dabei allerdings so ruppig, dass Schutzhelme teils schon auf der Anfahrt „gute Dienste“ leisteten.

Schon zwei Jahre nach der Feuerwehrgründung entstand aus aktiven und fördernden Mitgliedern der Spielmannszug. 1955 folgte der erste öffentliche Auftritt. Diese enge Verbindung aus Einsatzdienst und Dorfleben zieht sich durch die Chronik etwa über die regelmäßige Beteiligung an Kirmes und St.-Martinszug oder über den Biwak, dessen Ursprung auf eine Initiative der Reichswalder Feuerwehr zurückgeführt wird und der im Wechsel mit anderen örtlichen Vereinen getragen wird.

Die Mitgründer V. Elsner, W. Viethen & O. Rütz 2002

Als markanter Einsatz wird der Waldbrand am 1. Juli 1976 am Kartenspielerweg genannt, bei dem eine große Waldfläche betroffen war. Auch die 1980er Jahre bringen konkrete Beispiele. 1982 wurde während des St.-Martinszuges ein Entstehungsbrand pragmatisch gelöscht, 1985 folgte ein großer Hofbrand, bei dem Unterstützung aus Materborn und Kleve eingesetzt wurde.

In den 1990er Jahren sind zudem die Rheinhochwasser-Lagen dokumentiert: Neben Sandsackeinsatz und Informationsweitergabe an die Bevölkerung wird auch die Rettung von Vieh aus eingeschlossenen Gehöften beschrieben – teils in Zusammenarbeit mit Pioniereinheiten der Bundeswehr.

Mehr Aufgaben, neue Ausstattung

Mit der Jahrtausendwende wandelte sich das Einsatzspektrum weiter. Der Anteil klassischer Brandeinsätze nahm ab, technische Hilfeleistungen und besondere Einsatzlagen gewannen an Bedeutung. Zugleich entwickelte sich die Ausstattung sichtbar weiter: 2003 erhielt Reichswalde ein neues LF 10/6, 2007 begann der Bau des neuen Gerätehauses, das am 15. November 2008 eingeweiht wurde. Gleichzeitig wurde ein neues Mannschaftstransportfahrzeug übergeben.

Die Einsatzchronik der folgenden Jahre zeigt, wie breit die Löschgruppe inzwischen gefordert war. Dazu zählen die Brandserie mit mehreren Schuppenbränden im Bereich Düffelstraße und Hofberg im Jahr 2004, Einsätze nach Orkantief Kyrill im Januar 2007, eine technische Hilfeleistung in einem Putenmastbetrieb im Zusammenhang mit Vogelgrippe im Jahr 2009 sowie mehrere größere Brände. Besonders hervor sticht auch der Brand einer Phosphorgranate im Reichswald im Jahr 2012, bei dem Zement als Löschmittel eingesetzt wurde.

Die Corona-Jahre von 2020 bis 2023 veränderten schließlich auch den Dienstbetrieb. Übungen, Treffen und kameradschaftliche Abläufe mussten angepasst werden, ohne dass die Einsatzbereitschaft infrage stehen durfte. Damit zeigt die Chronik nicht nur einzelne Einsätze, sondern eine grundsätzliche Entwicklung. So ist Reichswalde längst nicht mehr nur eine kleine Ortsteileinheit mit gelegentlichen Brandeinsätzen, sondern eine Löschgruppe mit einem deutlich gewachsenen Aufgabenprofil.

Übung im Kindergarten St. Anna in Materborn

„Reichswalde ist unsere südlichste Einheit und durch die Lage direkt am Reichswald bei Einsätzen in diesem Bereich oft früh gefordert. Besonders ist, dass hier Einsatzabteilung, Spielmannszug und Erkundergruppe unter einem Dach zusammenkommen. Das zeigt, wie vielfältig Feuerwehr in Kleve heute aufgestellt ist.“
– Ralf Benkel, Leiter der Feuerwehr Kleve

Neue Generation und der rote Faden der Hilfe

Dass diese Entwicklung weitergeht, zeigt auch der Blick auf die jüngere Generation. Daniel Boßmann-van Husen ist in Reichswalde aufgewachsen und seit 2022 Mitglied der Löschgruppe. Er bringt Erfahrungen aus der DLRG mit und verbindet sein Engagement im Ehrenamt inzwischen mit seinem Beruf als Notfallsanitäter beim Rettungsdienst des Kreises Kleve. In seiner Perspektive steht weniger ein einzelner Einsatz im Mittelpunkt, sondern das, was im Hintergrund entsteht: ein Team, das im Ort verlässlich funktioniert.

Internationaler Brandweerwedstrijd in Rheden 2025

„Was mir besonders aus den ersten Jahren in Erinnerung geblieben ist, sind weniger einzelne Einsätze, sondern eher das Miteinander. Vor allem bei Übungen oder anderen Veranstaltungen merkt man, wie stark der Zusammenhalt und das Gemeinschaftsgefühl ist. Jeder hilft jedem, egal ob altgedient oder neu dabei.“
– Daniel Boßmann-van Husen, LG Reichswalde

Ausblick: Personal, Aufgaben und Ausstattung

Für die kommenden Jahre sind im Rahmen der städtischen Planungen Veränderungen vorgesehen, die besonders bei Einsätzen im unwegsamen Gelände Vorteile bringen sollen. Dazu zählen die Übernahme eines größeren Löschfahrzeugs, die Weiterentwicklung des Transportfahrzeugs zu einem Mehrzweckfahrzeug sowie ein Quad, das vor allem bei Erkundungen und in Bereichen abseits befestigter Wege helfen kann.

Diese Planungen passen zu einem Einsatzaufkommen, das sich über die Jahre deutlich verändert hat. 1998 verzeichnete die Löschgruppe sechs Einsätze, 2024 waren es 59. Die Aufgaben sind vielfältiger, die Anforderungen technischer und die Einsatzlagen teilweise komplexer geworden. Umso wichtiger bleibt es, die Mannschaft zu verstärken und die Mischung aus Erfahrung und neuer Generation stabil zu halten.

Reichswalde lebt dabei von mehr als Fahrzeugen und Einsatzstatistik. Die Löschgruppe ist Einsatzabteilung, Spielmannszug, Erkundergruppe und Teil des Dorflebens zugleich. Genau darin liegt ihre besondere Stärke, denn Feuerwehr ist hier nicht nur dann sichtbar, wenn der Melder auslöst, sondern auch dann, wenn der Ort zusammenkommt.

Feature-Ausblick

Feuerwehr ist in Kleve nicht nur sichtbar, sondern auch hörbar. Seit 1900 gehört der Musikzug fest zur Freiwilligen Feuerwehr und begleitet offizielle Anlässe, gestaltet Konzerte und prägt das kulturelle Leben der Stadt.

Das nächste Feature zeigt, wie sich der Musikzug über Generationen entwickelt hat, welchen musikalischen Anspruch das moderne sinfonische Blasorchester verfolgt und wie neue Mitglieder ausgebildet und in die Gemeinschaft eingebunden werden. Langjährige und neue Mitglieder, Zugführung, Dirigent und Vertreter der Feuerwehr geben Einblicke in eine Einheit, die Tradition, Musik und Kameradschaft miteinander verbindet.

Autor: Maurice Coenjaerts