Feuerwehrdienst im Arbeitsalltag
Wenn Ehrenamt und Beruf zusammenpassen müssen
Die Freiwillige Feuerwehr Kleve lebt vom ehrenamtlichen Einsatz ihrer Mitglieder. Damit Einsätze, Übungen, Lehrgänge und Führungsaufgaben im Alltag überhaupt verlässlich wahrgenommen werden können, braucht es jedoch mehr als Motivation und Einsatzbereitschaft. Entscheidend ist auch, dass Arbeitgeber dieses Engagement mittragen, Freiräume ermöglichen und Verständnis dafür haben, dass Hilfe im Notfall nicht erst nach Feierabend beginnt.
Klare Regeln für den Einsatzfall
Damit die Zusammenarbeit zwischen Feuerwehr und Arbeitgebern im Alltag funktioniert, gibt es in Kleve feste und zugleich möglichst einfache Abläufe. Generell ist die Freistellung von Feuerwehrangehörigen im Einsatzfall nach § 20 des BHKG gesetzlich geregelt. Wenn Mitglieder der Feuerwehr während der Arbeitszeit zu einem Einsatz herangezogen werden, muss der Arbeitgeber sie freistellen, ohne dass ihnen daraus ein beruflicher Nachteil entsteht. Diese Zeit gilt ausdrücklich nicht als Urlaub. Ob das in der Praxis in dem Moment der Alarmierung tatsächlich möglich ist, muss jeder selbst abwägen und entscheiden.
Für Arbeitgeber besteht zugleich die Möglichkeit, den entstandenen Verdienstausfall bei der Stadt geltend zu machen. In Kleve ist dieses Verfahren bewusst unbürokratisch gehalten. Erstattet werden der tatsächliche Stundenlohn und der Arbeitgeberanteil zur Sozialversicherung. Auch für Selbstständige gibt es eine klare Regelung. Damit soll sichergestellt werden, dass Unterstützung im Alarmfall nicht an komplizierten Formalitäten scheitert. Für den Feuerwehrangehörigen hat die Freistellung keine finanziellen Nachteile beim Gehalt.
Auch bei den eigenen Mitarbeitern lebt die Stadt Kleve diese Haltung vor. Feuerwehrangehörige in der Stadtverwaltung werden unkompliziert freigestellt. Für Daniel Scholz, stellvertretender Leiter der Feuerwehr Kleve und Abteilungsleiter 32.3 Feuerwehr und Bevölkerungsschutz bei der Stadt Kleve, ist das ein Ausdruck von Fürsorge und Wertschätzung gegenüber den eigenen Kräften.
„Wichtig ist, dass Feuerwehrdienst und Beruf miteinander vereinbar bleiben. Die Zusammenarbeit mit den Arbeitgebern in Kleve funktioniert insgesamt gut. Wenn es doch einmal Fragen oder Unsicherheiten gibt, versuchen wir, Lösungen schnell und unkompliziert zu finden.“
– Daniel Scholz, stellv. Leiter der Freiwilligen Feuerwehr Kleve
Versichert auf dem Weg zum Einsatz
Neben der Freistellung ist auch der Versicherungsschutz klar geregelt. Nach Angaben der Unfallkasse NRW stehen ehrenamtliche Angehörige der Freiwilligen Feuerwehren in Nordrhein-Westfalen unter dem Schutz der gesetzlichen Unfallversicherung, wenn sie im Rahmen des BHKG tätig werden. Dieser Schutz gilt bei Einsätzen, Übungen und weiteren feuerwehrdienstlichen Tätigkeiten, unabhängig davon, ob diese während oder außerhalb der regulären Arbeitszeit stattfinden. Mitversichert sind auch Wegeunfälle, etwa wenn Feuerwehrangehörige vom Arbeitsplatz oder von zu Hause zur Feuerwache oder zum Gerätehaus fahren.
Für den Arbeitsalltag empfiehlt die Unfallkasse klare Absprachen zwischen Feuerwehrmitglied und Arbeitgeber. Feuerwehrangehörige sollten ihren Arbeitgeber frühzeitig darüber informieren, dass sie Mitglied der Feuerwehr sind. Planbare Freistellungen, etwa für Lehrgänge oder Übungen, sollten möglichst rechtzeitig angekündigt werden. Ebenso sinnvoll ist es, vorab zu klären, was bei einer Alarmierung konkret geschieht, etwa wie laufende Tätigkeiten übergeben werden, wer informiert werden muss oder ob kurze Wege zum privaten Fahrzeug möglich sind.
Typische Unfall- und Gefährdungssituationen im Kontext ehrenamtlicher Feuerwehreinsätze und Übungen sind laut Unfallkasse seit Jahren Stürzen, Rutschen und Stolpern. Sie machen rund 30 Prozent der Unfälle aus. Präventiv helfen vor allem Ordnung, ausreichende Beleuchtung, passendes Schuhwerk und Abläufe, die mit der nötigen Ruhe statt unter unnötiger Hektik durchgeführt werden.
Wenn der Melder geht, beginnt das Abwägen
Wie diese Vereinbarkeit im Alltag aussehen kann, zeigen die Erfahrungen des Löschzugs Kleve. Mit mehr als 250 Einsätzen war er im Jahr 2025 die mit Abstand meistalarmierte Einheit der Stadt. Sven Verfondern, stellvertretender Löschzugführer, erlebt das Thema aus der Perspektive eines Selbstständigen. Ob er zu einem Einsatz fahren kann, muss er im Zweifel selbst entscheiden. Kundentermine, laufende Arbeiten und betriebliche Abläufe lassen sich nicht immer einfach unterbrechen. Je nach Einsatzstichwort wägt er daher genau ab. Bei einem Gebäudebrand versucht er eher, sich freizumachen, als bei einer kleineren Lage.
„Die ausgefallene Zeit kann ich zwar abrechnen, aber die Arbeit bleibt trotzdem liegen. Am Ende muss man jeden Einsatz mit dem eigenen Arbeitsalltag in Einklang bringen.“
– Sven Verfondern, stellv. Löschzugführer des LZ Kleve
Auch bei Jakob Tauchmann zeigt sich, dass eine klare Regelung nicht automatisch bedeutet, dass jede Alarmierung problemlos möglich ist. Er arbeitet als Fachinformatiker in einer psychiatrischen Einrichtung mit großem Gelände und trägt dort Verantwortung für den laufenden Betrieb. Bevor er überhaupt zur Wache fahren kann, muss er zunächst seinen Arbeitsplatz verlassen, zu seinem privaten Fahrzeug gelangen und von dort weiter zum Standort des Löschzugs Kleve fahren. Grundsätzlich gibt es mit seinem Arbeitgeber eine klare Absprache, dass er zu Einsätzen fahren darf, wenn es die Situation zulässt. Die hohe Einsatzbelastung bleibt dennoch eine Herausforderung.
„Die Feuerwehr ist für mich ein Hobby mit Verantwortung. Diese Verantwortung trage ich nicht nur im Einsatz, sondern auch gegenüber meinem Arbeitgeber.“
– Jakob Tauchmann, Löschzug Kleve
Verlässliche Absprachen im Arbeitsalltag
Dass gute Vereinbarkeit nicht nur von Verständnis, sondern auch von klaren Abläufen lebt, zeigt das Beispiel von Thorsten Coumans. Er arbeitet als Hausmeister an der Gesamtschule am Forstgarten in Rindern und ist Mitglied des Löschzugs Materborn. Als städtischer Bediensteter ist er zugleich in ein besonderes Alarmierungssystem eingebunden. Ab Einsatzstufe 2, also bei größeren Brand- oder Hilfeleistungslagen, wird er während seiner Arbeitszeit im gesamten Stadtgebiet alarmiert. Damit das im Einsatzfall schnell funktioniert, ist im nahen Feuerwehrdepot Rindern eine zweite persönliche Schutzausrüstung für ihn hinterlegt.
Der Ablauf ist dabei fest geregelt. Nach der Alarmierung rückt er gemeinsam mit einem nahe beschäftigten, städtischen Kollegen mit dem in Rindern stationierten Löschfahrzeug aus. Parallel dazu gibt es weitere städtische Mitarbeiter, etwa im Rathaus in Kleve, für die dort ein Fahrzeug bereitsteht. Die Stadt hat damit für verschiedene Standorte eigene Strukturen geschaffen, um städtische Mitarbeiter im Alarmfall schnell und geordnet einsetzen zu können.
Auch an der Gesamtschule am Forstgarten selbst funktioniert diese Regelung problemlos. Alles ist abgesprochen, zudem kann er im Alltag einen gesonderten Parkplatz nutzen, um bei einer Alarmierung keine Zeit zu verlieren. Aber auch für ihn gilt, dass nicht jede Alarmierung automatisch bedeutet, den Arbeitsplatz sofort verlassen zu können.
„Im Verhältnis zur Arbeit ist Kommunikation entscheidend. Man muss klar absprechen, wie Feuerwehrdienst und Beruf gemeinsam funktionieren können und wo Grenzen liegen.“
– Thorsten Coumans, Löschzug Materborn
Wenn Verantwortung weit über den Einsatz hinausgeht
Wie anspruchsvoll die Vereinbarkeit von Beruf und Ehrenamt werden kann, zeigt sich auch auf der Führungsebene. Ralf Benkel ist dafür ein besonders prägnantes Beispiel. Er leitet die Freiwillige Feuerwehr Kleve und arbeitet gleichzeitig beim LZPD in Duisburg in leitender Funktion im IT-Bereich. Anders als in allen anderen Städten in NRW mit über 50.000 Einwohnern ist der Leiter der Freiwilligen Feuerwehr in Kleve nicht bei der Stadt angestellt und auch nicht für seine Leitungsaufgaben freigestellt. Für seine dienstliche Befreiung gibt es zwar einen entsprechenden Erlass des Innenministeriums, Konflikte sind aber aufgrund der hohen Belastung vorprogrammiert.
Im Alltag bleibt es dennoch ein ständiges Abwägen zwischen beruflichen Terminen, Führungsaufgaben und Verfügbarkeit für die Feuerwehr. An Homeoffice-Tagen kann Ralf Benkel kurzfristiger reagieren. An Präsenztagen in Duisburg übernehmen seine beiden Stellvertreter Heinrich Graven und Daniel Scholz wichtige Aufgaben in Kleve. Spätestens bei größeren Lagen ist ohnehin jemand aus der Leitung an der Einsatzstelle, um bei Bedarf auch die Einsatzleitung zu übernehmen.
Gerade daran wird deutlich, dass eine ehrenamtlich geführte Feuerwehr nicht von Einzelpersonen getragen werden kann, sondern von verlässlicher Vertretung, laufender Abstimmung und einem Umfeld, das diese Verantwortung mitträgt.
„Am Ende funktioniert dieses Modell nur, wenn alle Seiten verstehen, dass der zeitliche Umfang der Aufgaben keine Selbstverständlichkeit ist. Ohne Vertrauen und Rückhalt geht es nicht.“
– Ralf Benkel, Leiter der Freiwilligen Feuerwehr Kleve
Wenn Arbeitgeber das Ehrenamt bewusst mittragen
Wie sehr Arbeitgeber zu einer funktionierenden Feuerwehr beitragen können, zeigt auch der Blick auf die Hochschule Rhein-Waal. Dort engagieren sich acht Mitarbeitende in der Freiwilligen Feuerwehr, fünf davon allein im Gebäudemanagement am Standort Kleve. Aus Sicht der Hochschule ist dieses Engagement ausdrücklich willkommen. Gerade im Gebäudemanagement wird die Erfahrung aus dem Feuerwehrdienst als praktischer Mehrwert gesehen, weil sie direkt in Fragen der Sicherheit, Prävention und Organisation einfließt.
Hinzu kommt, dass sich dieses Engagement auch auf andere Bereiche auswirkt. An der Hochschule gibt es inzwischen mehr als 60 Ersthelfer und Räumungshelfer. Mitarbeitende mit Feuerwehrerfahrung unterstützen diese Strukturen und sorgen bei Übungen für zusätzliche Ruhe und Sicherheit.
Auch bei Alarmierungen und Lehrgängen setzt die Hochschule auf Vertrauen und Eigenverantwortung. Längere Lehrgänge lassen sich im Vorfeld abstimmen und gelten als Sonderurlaub. Auch die Zusammenarbeit mit der Feuerwehr Kleve wird als Gewinn für beide Seiten verstanden, etwa bei Übungen auf dem Campus oder bei konkreten Schadenslagen.
„Mitarbeitende mit Feuerwehrerfahrung bringen wertvolles Wissen in unseren Alltag ein. Gerade im Gebäudemanagement ist das ein echter Sicherheitsgewinn.“
– Frau Dr. Leson – Leiterin des Gebäudemanagements der Hochschule Rhein-Waal
Auch in der Privatwirtschaft gibt es in Kleve Arbeitgeber, die das Ehrenamt ganz bewusst unterstützen. Ein Beispiel ist Winkels Interior Design Exhibition. Dort wird das Engagement von Feuerwehrangehörigen nicht nur als gesellschaftlich wichtig, sondern auch als Vorteil für das Unternehmen selbst gesehen. Mitarbeitende aus der Feuerwehr bringen ein geschärftes Bewusstsein für Brandschutz und Arbeitssicherheit mit. Das ist gerade in einem projektorientierten Betrieb ein konkreter Mehrwert.
Nach Möglichkeit werden Mitarbeitende für Einsätze, Übungen sowie Aus- und Fortbildungen freigestellt. Gleichzeitig gibt es dabei natürlich auch Grenzen. Vor allem mehrtägige Lehrgänge lassen sich nicht immer ohne Weiteres mit Projektterminen vereinbaren. Dennoch ist die Haltung klar: Wo immer es organisatorisch möglich ist, werden Lösungen gefunden. Hinzu kommt, dass die Verbindung zur Feuerwehr auch über einzelne Mitarbeitende hinausgeht. In der Vergangenheit hat die Feuerwehr Kleve bereits mehrfach auf dem Firmengelände geübt.
Offenheit schafft Vertrauen
Bei allen Unterschieden in den einzelnen Berufen und Arbeitsbereichen zeigt sich am Ende ein gemeinsamer Nenner. Feuerwehrdienst und Beruf lassen sich dort am besten vereinbaren, wo frühzeitig offen darüber gesprochen wird. Heinrich Graven, stellvertretender Leiter der Feuerwehr Kleve, sieht genau darin einen entscheidenden Punkt. Wer Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr ist, sollte das Thema von Anfang an klar mit dem Arbeitgeber besprechen und gemeinsam festlegen, wie der Dienst im Arbeitsalltag gehandhabt wird. Das schafft Verlässlichkeit und verhindert Missverständnisse im Einsatzfall.
Zugleich betont Graven, dass funktionierendes Ehrenamt nicht nur auf Verständnis im Beruf angewiesen ist. Ebenso wichtig ist der Rückhalt in der Familie. Gerade weil Einsätze, Übungen und weitere Verpflichtungen oft kurzfristig oder zusätzlich zum Alltag hinzukommen. Offene Kommunikation ist deshalb für ihn kein Nebenaspekt, sondern eine grundlegende Voraussetzung dafür, dass alle Seiten gut mit der Situation umgehen können.
„Das Fundament der Ehrenamtlichkeit sind Familie und Arbeitgeber. Der Arbeitgeber weiß, woran er ist, und auch im privaten Umfeld braucht es Verständnis und Verlässlichkeit. Das ist gerade bei der Freiwilligen Feuerwehr, die auf spontane Verfügbarkeit angewiesen ist, von großem Wert.“
– Heinrich Graven, stellv. Leiter der Freiwilligen Feuerwehr Kleve
Eine gemeinsame Verantwortung
Die Beispiele aus Kleve zeigen, dass eine funktionierende Freiwillige Feuerwehr nicht allein von den Einsatzkräften abhängt. Hinter jeder Alarmierung stehen auch Arbeitgeber, die Freiräume ermöglichen, Verständnis zeigen und Verantwortung mittragen. Oft geschieht das durch Vertrauen im Arbeitsalltag, flexible Absprachen oder bewusst geschaffene Strukturen.
So unterschiedlich die Voraussetzungen im Einzelfall auch sind, bleibt der Grundgedanke derselbe. Wer ehrenamtlichen Feuerwehrdienst möglich macht, stärkt nicht nur einzelne Mitglieder, sondern die Sicherheit in der ganzen Stadt. Die Zusammenarbeit von Arbeitgebern und Feuerwehr ist deshalb weit mehr als eine organisatorische Frage. Sie ist ein entscheidender Baustein dafür, dass Hilfe dann kommt, wenn sie gebraucht wird.
Feature-Ausblick
Im nächsten Feature richtet sich der Blick auf den Löschzug Rindern. Zwischen Deich, Klever Ring und niederländischer Grenze steht die Einheit vor besonderen Aufgaben: Das Einsatzgebiet reicht von engen Ortslagen über landwirtschaftlich geprägte Bereiche bis hin zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit mit der Brandweer Millingen aan de Rijn. Der Bericht zeigt, wie sich der Brandschutz in Rindern von der Nachbarschaftshilfe zur modernen Feuerwehr entwickelt hat, welche Rolle Kameradschaft und Dorfgemeinschaft bis heute spielen und warum der Löschzug ein wichtiger Bestandteil der Freiwilligen Feuerwehr Kleve ist.
Feuerwehr Kleve