Digitalisierung bei der Feuerwehr Kleve

Ein Knopfdruck, ein Signal – und schon wissen die Einsatzkräfte, wohin sie müssen. Hinter dieser Selbstverständlichkeit steht heute nicht nur moderne Einsatztechnik. Auch im Hintergrund läuft vieles digital: Dienstpläne, Geräte- und Prüffristen, Qualifikationen, Dokumente und Checklisten – gebündelt im Feuernetz. So treffen an der Einsatzstelle vorbereitete Prozesse auf aktuelle Informationen, die von Leitstelle, Einsatzleitung und Mannschaft zusammengeführt werden. Das Ziel ist immer gleich: Sekunden gewinnen, Fehlerquellen reduzieren und Entscheidungen nachvollziehbar machen.

„Digitalisierung ist für uns kein Schlagwort, sondern gelebter Alltag. Sie gibt uns die Möglichkeit, Abläufe schneller und übersichtlicher zu gestalten, ohne dass der Mensch dabei in den Hintergrund rückt. Am Ende geht es immer darum, dass wir so schnell und effektiv wie möglich helfen können.“
Ralf Benkel, Leiter der Feuerwehr Kleve

Vor dem digitalen Wandel

Bevor Funkgeräte, Alarmdisplays und zentrale Plattformen den Alltag prägten, lief vieles analog – und erstaunlich robust. Alarmiert wurde häufig über Sirenen und Telefonketten; Zusatzinfos gab es kaum, oft nur das Stichwort und die Adresse. In den Wachen hingen Papierlisten für Dienst- und Prüfpläne, Einsatzdokumentation und Rückmeldungen liefen handschriftlich oder per Fax. Am Einsatzort stützte sich die Führung auf Papierlagekarten und einzelne Funkkanäle; wenn mehrere Abschnitte parallel arbeiteten, geriet die Kommunikation schnell an ihre Grenzen. Trupps im Innenangriff waren in verwinkelten Gebäuden nicht immer zuverlässig zu hören, Nachforderungen oder Lageänderungen brauchten länger.

Vor Einführung der digitalen Meldeempfänger standen deutlich weniger Handfunkgeräte zur Verfügung. Viele Trupps teilten sich Geräte; die Funkgeräte waren schwerer, unhandlicher und die Akkulaufzeit knapp – Gerätewechsel und Funkpausen gehörten dazu. Parallele Kommunikation war dadurch schwieriger, und bei unübersichtlichen Lagen entstand schneller Funküberlastung.

Auch organisatorisch war der Aufwand höher: Prüffristen, Qualifikationen und Materialzustände mussten verteilt gepflegt werden, was zu Lücken oder Doppelarbeit führen konnte. Objektinformationen – Zugänge, Abschaltpunkte, Hydranten – lagen oft in Ordnern oder als Kopien vor und waren nicht immer tagesaktuell an der Einsatzstelle. Aus heutiger Sicht fehlte vor allem das gemeinsame Lagebild: Viele Informationen waren vorhanden, aber sie waren nicht gleichzeitig bei allen, die sie brauchten.

Sammlung alter analoger Handfunkgeräte

Kommunikation und Alarmierung

Mit der Ablösung des Analogfunks hat sich die Einsatzkommunikation grundlegend verändert. Insgesamt stehen 336 digitale Funkgeräte zur Verfügung, davon drei mit Repeater-Funktion, um Reichweitenprobleme bei Einsätzen in weitläufigen Gebäuden oder im Gelände zu überbrücken. Damit kann heute praktisch jede Funktion mit mindestens einem Handfunkgerät ausgestattet werden.

Unterschiedliche Rufgruppen sorgen dafür, dass Führungsinformationen, Abschnittsaufträge und Truppmeldungen parallel laufen können, ohne sich zu überlagern. Rückfragen und Lagemeldungen kommen schneller bei den richtigen Personen an; die Zusammenarbeit mit der Leitstelle wird präziser und zielgenauer.

Damit Funk auch in schwierigen Gebäuden zuverlässig funktioniert, ist Gebäudefunk mittlerweile in vier großen Objekten installiert: im Klever Krankenhaus, in der Kreisverwaltung, im Sternbuschbad und bei dem Ionisos-Standort in Kellen. Das bedeutet, dass bereits im Gebäude selbst Technik verbaut ist, die sonst auftretende Funklöcher überbrückt. Trupps bleiben dadurch auch in Kellern, Schächten oder abgeschirmten Technikbereichen sicher erreichbar.

Zur Alarmierung gehören heute digitale Meldeempfänger, die Zusatzalarmierung per Alamos-App und Alarmdisplays in allen Wachen. Auf den Displays erscheinen Stichwort, Adresse, ausrückende Fahrzeuge und – wenn hinterlegt – besondere Gefahren oder Objektmerkmale. Die Mannschaft rückt mit demselben Wissensstand aus, Führungsassistenzen starten unmittelbar mit Dokumentation und Vorbereitung, und die Leitstelle erhält strukturierte Rückmeldungen – ohne das Funknetz unnötig zu belasten.

Alarmdisplay im Feuerwehrdepot
„Entscheidend ist die Rückmeldung des Einsatzleiters. Über Funk halten wir ständig Kontakt, um die Lage einzuschätzen, nachzualarmieren oder Kräfte zu entlassen. Kommunikation ist dafür das wichtigste Werkzeug.“
Stefan Hartmann, Leiter der Leitstelle des Kreises Kleve

Organisation und Prozesse im Feuernetz

Das Feuernetz ist das Rückgrat der täglichen Arbeit: Dienst- und Ausbildungspläne, Qualifikations- und Tauglichkeitsnachweise, Geräte- und Fahrzeugverwaltung mit Prüffristen, Dokumente und interne Kommunikation liegen zentral und aktuell vor. Zuständigkeiten sind transparent, Erinnerungen verhindern Fristversäumnisse, Auswertungen zeigen, wo nachgeschärft werden muss. Für den Ernstfall bedeutet das: qualifizierte Besetzungen, einsatzbereite Geräte, gepflegte Objektinfo. Auch Logistik wird greifbarer. So lassen sich Bestände, Austauschzyklen und Reinigungs- bzw. Hygieneketten (z. B. PSA nach Brandeinsätzen) nachvollziehen; Hydranten- und Objektlisten werden zentral gepflegt und stehen für Ausbildung und Einsatz bereit.

 

„Wir haben Digitalfunk, Gebäudefunk, Alarmdisplays, Feuernetz und Fireboard nicht von oben verordnet, sondern in Arbeitsgruppen mit der Praxis entwickelt. So stehen die richtigen Informationen zur richtigen Zeit dort bereit, wo sie gebraucht werden – in Wache, ELW und Führungsstelle. Der nächste Schritt ist die direkte Einbindung der Feuerwehrpläne in Fireboard.“
Karl-Heinz Stoffels, Leiter Fachbereich 6: Information & Kommunikation

Lageführung und Dokumentation

Sobald eine Lage größer wird, führt Fireboard Einsatzkarte, Kräfte- und Mittelübersicht, Aufträge, Checklisten und Meldungen in einem gemeinsamen Lagebild zusammen. Zugänge, Gefahrenzonen, Hydranten, Bereitstellungsräume oder Absperrungen lassen sich kartengestützt markieren; Maßnahmen erhalten Verantwortliche und – wo sinnvoll – Timer. Führungsstelle, Einsatzleitwagen und Abschnittsleitungen blicken auf denselben Stand, Übergaben werden leichter, Entscheidungen nachvollziehbar. Besonders wenn mehrere Abschnitte parallel arbeiten (Menschenrettung, Brandbekämpfung, Wasserversorgung, Absperrung), hilft Fireboard, Prioritäten anzupassen und frühzeitig Verstärkung oder Spezialgerät nachzufordern. Künftig sollen Feuerwehrpläne direkt in Fireboard eingebunden werden – dann liegen Grundrisse, Abschaltpunkte und Objektbesonderheiten direkt dort vor, wo sie gebraucht werden.

 

Nachbearbeitung eines Einsatzes in Fireboard

Menschen, Ausbildung und Akzeptanz

Neue Technik wirkt nur, wenn sie verstanden und trainiert wird. In Kleve wurden die großen Schritte in praxisnahen Arbeitsgruppen mit Einsatzkräften aus verschiedenen Einheiten vorbereitet. Schulungen sicherten, dass aus „neuer Software“ ein alltagstaugliches und unterstützendes Werkzeug im Einsatz wird. Nach Einsätzen fließen digitale Protokolle (Einsatztagebuch, Aufträge, Status) in die Qualitätsschleife: Erkenntnisse werden greifbar und anschlussfähig, Anpassungen an Checklisten, Alarm- und Ausrückordnung oder Alarmdisplay-Hinweise dadurch gezielt und nachvollziehbar. Gleichzeitig bleiben Fallbacks geübt: Papierlagekarte, definierte Meldewege und klare Führungsstrukturen greifen, wenn Technik einmal ausfällt. Digitalisierung ist bewusst mit Redundanz gedacht.

„Feuerwehr hat sich und musste sich immer breiter aufstellen und ist aus innerem Antrieb verpflichtet, mit der Zeit zu gehen. Inzwischen ist es mehr als löschen, retten, bergen und schützen und eine kameradschaftliche Gefahrengemeinschaft zu bilden – es ist auch mehr als nur Technik. Es wird nicht langweilig.“
Daniel Scholz, stellvertretender Leiter der Feuerwehr Kleve

Ausblick

Digitalisierung ist kein Projekt mit Enddatum, sondern dauerhafter Teil des Feuerwehralltags im Einsatz und Hintergrund. Als nächster Schritt werden Feuerwehrpläne direkt in Fireboard eingebunden. Anfahrtswege, Zugänge, Absperreinrichtungen, Hydranten, Abschaltpunkte und Gefahrstofflager liegen dann unmittelbar in der Lagekarte. Das spart Minuten und reduziert Übertragungsfehler, weil Informationen ohne Medienbruch genau dort erscheinen, wo sie gebraucht werden.

Perspektivisch soll die Fahrzeugflotte vernetzt werden: Relevante Einsatz- und Objektinformationen stehen direkt auf den Fahrzeugen bereit, und die Besatzungen können Rückmeldungen wie Status, Maßnahmen oder Mängel unmittelbar in die Systeme geben. So schließen sich Informationskreisläufe zwischen Fahrzeug, Führungsstelle und Leitstelle ohne Umwege.

Für die nächsten Jahre stehen außerdem zwei Linien im Vordergrund: die Modernisierung der Ausbildungstechnik und die konsequente Pflege der bestehenden Systeme. Updates, Datenqualität und klare Verantwortlichkeiten sind dabei ebenso wichtig wie didaktisch gute Formate, damit neue und erfahrene Kräfte gleichermaßen profitieren. Wenn Feuerwehrpläne direkt in Fireboard integriert sind, wenn Feuernetz die Verwaltungsabläufe weiter entlastet und wenn die Schnittstellen zur Leitstelle noch enger greifen, zahlt sich das in den entscheidenden Momenten aus.

Feuerwehr-Informationszentrum einer Brandmeldeanlage mit Feuerwehr-Laufkarten sowie Flucht- und Rettungsplan

Feature-Ausblick

Im nächsten Feature steht die Jugendfeuerwehr Kleve im Mittelpunkt. Der Bericht zeigt, wie Jugendliche zwischen 10 und 18 Jahren seit 2004 an den Feuerwehrdienst herangeführt werden, mit Übungsabenden, realistischen Szenarien und einem starken Gemeinschaftsgefühl. Im Fokus stehen auch die besonderen Highlights im Jahresverlauf wie Zeltlager und 24 Stunden Dienst sowie der Übergang in die aktive Wehr. Gleichzeitig wird sichtbar, welche Herausforderungen der große Andrang mit sich bringt und warum die Jugendfeuerwehr für die Einsatzbereitschaft von morgen eine zentrale Rolle spielt.

Autor: Maurice Coenjaerts