Portrait des Löschzugs Kellen

Einsatzschwerpunkt im wachsenden Stadtteil

Der Löschzug Kellen ist eine von zwölf Einheiten der Freiwilligen Feuerwehr Kleve. Sein Ausrückebereich umfasst den Stadtteil Kellen mit gewachsenen Wohnquartieren und neuen Baugebieten, mehrere Schulen, zwei Altenheime sowie gewerbliche und industrielle Strukturen. Damit gehört der Löschzug zu den Einheiten, die ein breites Spektrum an Einsatzszenarien abdecken – von Bränden in Wohn- und Sonderbauten über Verkehrsunfälle bis hin zu technischen Hilfeleistungen.

Innerhalb der Freiwilligen Feuerwehr Kleve nimmt Kellen aufgrund der Größe der Mannschaft, der Vielzahl an Einsätzen und der technischen Ausstattung eine wichtige Rolle ein. Die Einheit verbindet eine mehr als hundertjährige Tradition mit einem modernen Gerätehaus, aktuellen Fahrzeugen und einem Einsatzalltag, der durch hohe Professionalität und eine ausgeprägte Kameradschaft geprägt ist.

Löschzugführer Marc Böhmer ist seit rund zwei Jahrzehnten im Löschzug Kellen aktiv. Er stammt aus dem Stadtteil, der Weg in die Feuerwehr führte über die Familie und das Umfeld: Übungen, Feste und Einsätze prägten früh den Alltag. Aus den ersten Jahren im regulären Dienst entstanden schrittweise weitere Aufgaben – zunächst als Gruppenführer, später als stellvertretender Löschzugführer bis hin nun seit Anfang 2025 zur Leitung des LZ Kellen.

Für mich ist der Löschzug Kellen ein fester Teil meines Lebens. Hier arbeiten Menschen zusammen, die sich kennen und aufeinander verlassen können – im Übungsdienst wie im Einsatz. Diese Verlässlichkeit ist die Grundlage dafür, dass Führung funktioniert
– Marc Böhmer, Löschzugführer Kellen

Geschichte – vom Dorfkern zur modernen Einheit

Mannschaftsfoto um 1920

Im März 1908 wird in Kellen die Freiwillige Feuerwehr gegründet. Der Ort befindet sich zu dieser Zeit in einem tiefgreifenden Wandel: Mit der Margarineproduktion von Simon van den Bergh und später der Biscuitfabrik XOX entstehen industrielle Arbeitsplätze, die Einwohnerzahl wächst, neue Wohnbereiche entstehen. Auf Grundlage neuer preußischer Vorschriften richtet die Gemeinde eine freiwillige Wehr ein, stellt Räume, Uniformen und Ausrüstung bereit und versichert die Mitglieder. Rund 25 bis 30 Männer bilden zunächst einen Löschzug mit Ordnungs-, Steiger-, Spritzen- und Wasserabteilung; frühe Brandmeister wie Johann van den Boom, Reinhard Hoymann, Heinrich Arts und Wilhelm Peters prägen die Anfangsjahre. Bereits 1909 sind erste größere Einsätze dokumentiert, unter anderem ein nächtlicher Brand im Ort und ein Feuer in einem Kolonialwarengeschäft, 1915 folgt ein Großbrand in der Biscuitfabrik XOX, an dem auch die Freiwillige Feuerwehr Kleve beteiligt ist.

Parallel entwickelt sich früh ein eigenständiges Feuerwehrleben. 1909 findet das erste Stiftungsfest mit Festzug, Schauübung und anschließender Feier statt. In den folgenden Jahren organisiert die Kellener Wehr regelmäßig Veranstaltungen, Theaterabende und Musikdarbietungen und verankert sich so im gesellschaftlichen Leben des Ortes. Technisch rüstet sie schrittweise auf: zusätzliche Schläuche, Leitern, Handdruckspritzen, eine fahrbare Pumpe und ein Schlauchwagen kommen hinzu. Nach dem Ersten Weltkrieg hält die Gemeinde trotz Inflation und knapper Kassen an der Feuerwehr fest, bewilligt Mittel für Schläuche, Wartung und Reinigung. Mit der Verlagerung der Ortsmitte vom Bereich der alten Kirche Richtung Bahnhof werden das Spritzenhaus an der Alten Kirche und die vorhandenen Unterbringungsmöglichkeiten zu klein. Anfang der 1920er Jahre entstehen deshalb ein neues Gerätehaus am Leitgraben – das sogenannte „Spritzenhaus“ – und ein Steiger- und Übungsturm auf dem Sportplatz. Ende der 1920er Jahre folgt die Beschaffung der ersten Motorspritze.

Die Jahre 1933 bis 1945 sind lokalgeschichtlich nur lückenhaft dokumentiert. Überliefert sind vor allem Luftschutz- und Brandangriffsübungen. 1936 finden amtsweite Übungen unter Beteiligung mehrerer Wehren statt, die Feuerwehr wird im Rahmen der reichsweiten Vorgaben zur Feuerlöschpolizei umgeformt, Stiftungsfeste wandeln sich zu reinen Kameradschaftsabenden. In den Kriegsjahren leisten Kellener Feuerwehrleute Nachtwachen und sind bei Bombenangriffen auf Kleve und Teile von Kellen im Einsatz. Die Einsätze erfolgen häufig unter schwierigen äußeren Bedingungen.

Zerstörung und Wiederaufbau

Nach dem Zweiten Weltkrieg steht die Wehr wie so viele zunächst fast ohne Ausrüstung da. Geräte sind zerstört oder verloren gegangen, als Übergangslösung wird ein ehemaliges Wehrmachtsfahrzeug genutzt, das mangels Platz nicht im Spritzenhaus, sondern in der Turnhalle der Willibrordschule untergebracht wird. Schritt für Schritt wird der Dienst wieder aufgebaut, unter anderem durch den Einsatz praktisch erfahrener Führungskräfte und die Wiederherstellung eines geordneten Ausbildungs- und Einsatzbetriebs. Zum 40-jährige Bestehen der Wehr sind 40 Aktive und 12 Angehörige der Altersabteilung verzeichnet.

Ein lang gehegter Wunsch wird 1953 erfüllt: Kellen, inzwischen wieder selbständige Gemeinde, erhält ein neues Gerätehaus am Jungferngraben, unmittelbar im neuen Ortszentrum an der Willibrord-Mädchenschule. Das Gebäude mit zwei Wohnungen gilt in der Festschrift zum 50-jährigen Bestehen 1958 als für viele Jahre ausreichende Lösung. Es markiert einen weiteren Meilenstein in der Entwicklung des Löschzugs Kellen – von der dörflichen Wehr an der alten Kirche hin zu einer modernen Einheit in einem wachsenden Stadtteil, die in den folgenden Jahrzehnten weiter professionalisiert und schließlich in die Gesamtstruktur der Freiwilligen Feuerwehr Kleve eingebunden wird.

Gruppenfoto zum 50-jährigen Jubiläum

„Wenn ich auf die Entwicklung des Löschzugs zurückblicke, sehe ich eine Einheit, die sich immer wieder an neue Anforderungen angepasst hat. Früher waren es wenige, aber große Brände, heute viele unterschiedliche Einsatzlagen mit hoher technischer Komplexität. Entscheidend ist, dass die Feuerwehr Kellen diesen Wandel Schritt für Schritt mitgegangen ist.“
– Hans Gysbers, im LZ Kellen seit 1968

Der Löschzug heute – Mannschaft, Einsatzgebiet, Ausstattung

Der Löschzug Kellen ist mit derzeit rund 45 aktiven Mitgliedern die mannschaftsstärkste Einheit im Stadtgebiet. Hinzu kommen eine Ehrenabteilung und eine Unterstützungsabteilung, die organisatorische Aufgaben und das Vereinsleben begleiten. Die Altersstruktur ist breit gefächert: Jüngere Einsatzkräfte, die in den letzten Jahren dazugekommen sind, arbeiten eng mit Feuerwehrleuten zusammen, die seit Jahrzehnten im Dienst stehen und ihre Erfahrungen weitergeben.

Das Einsatzspektrum umfasst neben klassischen Brandeinsätzen auch mit dem eigenen Rettungssatz regelmäßig Verkehrsunfälle. Der Schwerpunkt bei Hilfeleistungen liegt auf Türöffnungen und Tragehilfen, die häufig in Verbindung mit Hausnotrufsystemen stehen und gemeinsam mit dem Rettungsdienst abgearbeitet werden. Ölspuren und Fehlalarme durch Brandmeldeanlagen spielen eine geringere Rolle als früher.

Lagerhallenbrand bei der Fa. Pietsch 2025

Der Ausrückebereich umfasst auch Neubaugebiete wie das Flora-Quartier. Besondere Bedeutung haben die beiden Altenheime St. Georg und St. Willibrord sowie die Schulen im Stadtteil – die Grundschule, das Konrad-Adenauer-Gymnasium und die Karl-Kisters-Realschule. Hinzu kommen gewerbliche Objekte und Verkehrsachsen, die immer wieder Anlass für Einsätze geben. Die Einsatzzahl hat sich über die Jahrzehnte spürbar erhöht und liegt heute bei rund 100 Einsätzen pro Jahr.

Der Löschzug Kellen zählt zu den größeren und leistungsstarken Einheiten im Stadtgebiet – sowohl mit Blick auf die Mitgliederzahl als auch auf das Engagement. Die Kameradinnen und Kameraden dort sind hoch motiviert und der Zusammenhalt innerhalb der Einheit ist außergewöhnlich gut.“
– Daniel Scholz, stellv. Leiter der Feuerwehr Kleve

Ausstattungsseitig verfügt der Löschzug über mehrere Lösch- und Hilfeleistungsfahrzeuge sowie eine Drehleiter, mit der er bei überörtlichen Lagen im Stadtgebiet unterstützt. Ein wichtiger Schritt in der Entwicklung war der Neubau des Gerätehauses, das 2013 in Betrieb genommen wurde. Dort sind Fahrzeuge, Geräte, Umkleiden, Sanitär- und Sozialräume sowie ein Unterrichtsraum unter einem Dach vereint. Die räumlichen Bedingungen ermöglichen einen geregelten Ausbildungsbetrieb und eine zeitgemäße Unterbringung der gesamten Einheit.

Bei größeren Brandereignissen in der Unterstadt wird gemeinsam mit dem Löschzug Kleve ausgerückt. In Richtung Emmerich erfolgt die Abstimmung insbesondere mit dem Löschzug Nordost, zudem bestehen Kooperationen mit anderen Einheiten und Organisationen, etwa bei gemeinsamen Übungen mit der Löschgruppe Qualburg oder der DLRG. So werden Abläufe gefestigt und das Zusammenspiel im Einsatzfall regelmäßig erprobt.

Jonas Marx absolvierte seine Grundausbildung er 2016 im Kreis Steinfurt. Beruflich bedingt wechselte er nach Kleve und suchte vor Ort einen Weg, das Ehrenamt fortzusetzen und Anschluss zu finden. Seit Ende 2021 verstärkt er die Mannschaft und erlebt sowohl fordernde Einsätze – etwa langwierige Brände oder Lagen mit schwer verletzten Personen – als auch zahlreiche positive Momente im Dienst und bei gemeinsamen Aktivitäten.

Traditioneller Besuch auf der Klever Kirmes

„Als ich neu nach Kellen gekommen bin, war der Löschzug für mich eine wichtige Anlaufstelle. Man wird von Beginn an ernst genommen und in die Abläufe eingebunden. Dieses Gefühl, schnell Teil eines funktionierenden Teams zu sein, hat mich in meiner Entscheidung bestärkt.“
– Jonas Marx, im Löschzug Kellen seit 2021

Einordnung durch die Feuerwehrleitung

Aus Sicht der Feuerwehrleitung nimmt der Löschzug Kellen eine zentrale Stellung innerhalb der Freiwilligen Feuerwehr Kleve ein. Die Einheit verfügt über eine große, verlässlich verfügbare Mannschaft, deckt ein anspruchsvolles Einsatzgebiet ab und ist bei zahlreichen Lagen im Stadtgebiet eingebunden. Die Einschätzung unterstreicht die besondere Bedeutung des Löschzugs im Gesamtgefüge der Feuerwehr Kleve und bestätigt die in Kellen gelebte Verbindung aus Tradition, moderner Ausstattung und hoher Einsatzbereitschaft.

Teilnahme am Leistungsnachweis 2025

„Kellen steht durch die wachsende Bebauung vor besonderen Herausforderungen. Dass eine Drehleiter seit 2023 erforderlich ist, hat die Einheit früh erkannt und konsequent umgesetzt. Sie waren zudem vorne dabei, als die neue Fahrzeuggeneration kam, und verfügen über geländefähige Fahrzeuge, die im Alltag echten Mehrwert bringen.“
– Ralf Benkel, Leiter der Feuerwehr Kleve

Zusammenarbeit und Ausblick

Die Anforderungen an den Löschzug haben sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verändert. Die Zahl der Einsätze ist gewachsen, die Bandbreite der Lagen ist ebenso komplexer geworden. Parallel haben technische Entwicklungen die Arbeit im Einsatz weiter spezifiziert. Moderne Fahrzeuge und Geräte eröffnen neue Möglichkeiten, stellen aber auch höhere Anforderungen an Ausbildung und Übungsdienst. Kontinuierliche Qualifizierung, realitätsnahe Übungen und der sichere Umgang mit der vorhandenen Technik sind für die Einsatzfähigkeit der Einheit unverzichtbar.

Für die kommenden Jahre zeichnen sich mehrere Schwerpunkte ab. Dazu gehören die Stabilisierung der personellen Basis, die Gewinnung und Integration neuer Mitglieder, die weitere Anpassung an veränderte Einsatzszenarien sowie der Erhalt guter Rahmenbedingungen durch Stadt und Bevölkerung. Als ebenso wichtig gilt der innere Zusammenhalt: Kameradschaft, gegenseitige Unterstützung und ein verlässliches Miteinander sollen die Arbeit im Löschzug Kellen weiterhin prägen – mit dem Ziel, auch in Zukunft leistungsfähig zu bleiben und nach Einsätzen gesund an den Standort zurückzukehren.

Feature-Ausblick

Im nächsten Feature geht es um eine Aufgabe, die im Feuerwehralltag oft im Hintergrund bleibt, aber für Einsatzkräfte von großer Bedeutung sein kann. Das PSU-Team Unterer Niederrhein unterstützt Feuerwehrangehörige nach belastenden Einsätzen, wenn Eindrücke nicht mit dem Abrücken von der Einsatzstelle enden. Der Beitrag zeigt, wie das Team aus Kleve heraus entstanden ist, wann psychosoziale Unterstützung angefordert wird und warum der offene Umgang mit Belastungen heute ein wichtiger Teil verantwortungsvoller Feuerwehrarbeit ist.

Autor: Maurice Coenjaerts